Kultur

re:publica 2016

re:publica 2016

Nach der ersten Republica im Jahr 2007 ­prophezeite Martin Schöb in der "FAZ" der Digitalkonferenz (und Blogs allgemein) eine düstere Zukunft: Sie würden konsequent "unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle" all jener bleiben, die "ihr Leben nicht im Netz verbringen".  Außerdem sah er "die meisten meinungsführenden Blogs" ohne die "Bezugsgröße Print" in sich zusammenfallen wie einen "Heißluftballon ohne Flamme".
Neun Jahre später zeigt sich, dass Schöb gleichzeitig recht hatte und fürchterlich daneben lag. Tatsächlich sind viele der "meinungsführenden Blogs", um die sich die Republica 2007 kristallisierte, in sich zusammengefallen, aber ebenso bröckelt die "Bezugsgröße Print". Was aber überhaupt nicht unter Aufmerksamkeitsdefiziten leidet, ist die Republica selbst, im Gegenteil. Waren es 2007 noch 600 bis 700 Teilnehmende, kamen 2015 bereits 7.000 Internetnutzer, zehn Prozent davon übrigens als akkreditierte Journalisten und Journalistinnen. Dieses Jahr werden nochmal rund 1.000 Menschen mehr erwartet.
Die Republica war von Anfang an eine Gesellschaftskonferenz, auch wenn sie zunächst als nerdige Bloggerversammlung wahrgenommen wurde. Im Laufe der Zeit zog sie immer mehr Menschen an, die mit dem digitalen Wandel in Berührung kamen und aus unterschiedlichsten Perspektiven darlegten, wie das Netz ihr Leben beeinflusste. So spricht der Wirtschaftsphilopsoph Gunter Dueck dieses Jahr schon zum vierten Mal darüber, wie der digitalen Wandel die Arbeitswelt neu prägt.  2012  erzählte Merkels Sprecher Steffen Seibert, wie das Netz die Regierungsarbeit verändert. Wie auch im selben Jahr der Inklusionsaktivist Raъl Krauthausen über seine Arbeit im Netz referierte, oder im Jahr darauf die Feministin Anne Wizorek. Vor neun Jahren galt es noch als skandalös selbstreferenziell, über das eigene Leben, die Arbeitswelt, digitalen und gesellschaftlichen Wandel, Teilhabe und Gerechtigkeit zu reden. Natürlich sind die Themen der Republica nach wie vor auch selbstreferenziell, aber mittlerweile ist das Themenspektrum so stark aufgefächert, dass selbst Journalisten, Politiker oder Unternehmer Themen finden, die sie verstehen oder die sie interessieren.
Und weil der Vorwurf der Selbstreferenzialität mittlerweile überholt ist, nimmt es die zehnte Republica in diesem Jahr zum Anlass, sie gleich zum offiziellen Motto zu machen: "Du bist die re:publica. TEN ist NET."
Bei oberflächlicher Betrachtung erschließt es sich vielleicht nicht sofort, aber die Welt — und das Netz ganz besonders — besteht aus Menschen, die sich in vielen verschiedenen (Filter-) Blasen zusammenballen. Normalerweise funktioniert der Austausch zwischen diesen Blasen nur sehr eingeschränkt. Aber einmal im Jahr, wenn eben Repräsentanten unzähliger Blasen sich in Berlin treffen, bilden sie einen wunderbaren Schaumteppich.
Dieser Schaum ist es, der die Republica interessant macht. Wo alles drin ist: Interessantes und weniger Interessantes, Relevantes und Irrelevantes, Angenehmes und Abstoßendes. Der Witz ist, dass man sich das Richtige rauspickt oder besser: einfach reinspringt. Oder noch besser: einfach auf den Hof stellen, Bier trinken und abwarten, was passiert. Funktioniert immer. Auf der Republica, im Netz – und im Rest der Welt.

Text: Felix Schwenzel

Foto: re:publica / Gregor Fischer / flickr.com / CC-BY-SA 2.0 / CC-BY 2.0

Unser Autor schreibt seit bald 20 Jahren ins Internet ?(seit 14 Jahren auf wirres.net) und war zufällig auf jeder ­Republica — vor allem auf dem Hof, mit Bier

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Station Berlin, ?Luckenwalder Str. 4-6, ?Kreuzberg, ?Mo 2. – Mi 4.5.?

www.re-publica.de

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