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Sprechoper

Regisseur Herbert Fritsch im Gespräch

„Man hat manchmal das Gefühl, dass da Geister sprechen“ – Regisseur Herbert Fritsch über seine Horváth-Collage Zeppelin – und darüber, weshalb der Realismus des „Tatort“ eine Katastrophe ist

Zeppelin, Foto: Thomas Aurin

tip Herr Fritsch, was haben Sie mit Ödön von Horváth vor, dem Autoren von Klassikern wie „Geschichten aus dem Wiener Wald“?
Herbert Fritsch Ich habe schon sehr früh, in meiner Schauspielstudiumszeit, sein Gesamtwerk gelesen, alles, nicht nur die Theaterstücke. Ich weiß noch, dass ich davon sehr fasziniert war. Ich kam wieder auf Horváth, weil mir der Schauspieler Werner Eng ein Buch mit den Fragmenten und Szenen aus seinem Nachlass gegeben hat. Ich verehre Horváth, aber das Problem, wenn man einen Dichter verehrt, ist immer, dass man aufpassen muss, dass die Aufführung nicht in Verehrung ausartet. Ich verwende vor allem Texte aus dem Nachlass und einige Szenen oder auch nur Wortfetzen aus den Stücken.

tip Also erzählen Sie keine durchgehende ­Geschichte?
Herbert Fritsch Ich versuche gerade, wie man mit solchen ­Fetzen und Fragmenten umgehen kann, zum Beispiel indem man sie ganz auseinanderreißt, sie in einzelne Sätze zerteilt oder Dialoge in unterschiedlicher Reihenfolge wiederholt. Jeder Satz bei ihm hat ein unglaubliches Gewicht. Und jeder Satz ist eine Überraschung, erst recht, wenn man sie in eine andere Reihenfolge bringt. Ich will die Sätze und Worte aus den Geschichten rausreißen und sie in einen szenischen Pointillismus verwandeln, in dem sie wie Punkte durcheinander wirbeln und in andere Zusammenhänge geraten. Eigentlich sind die Stücke wie Sprechopern. Da ist immer ein Rhythmus drin. Alles was Horváth schreibt, ist sehr musikalisch.

tip Was ist das für eine Musik – eher krachende Blasmusik oder Debussy?
Herbert Fritsch Es können Blasmusik oder Jazz oder ein paar Takte aus einer Operette sein. Das hat eine große stilistische Bandbreite. Debussy ist ein gutes Stichwort, diese gehauchten Sachen, die so daherschweben. Es geht ja auch um einen Zeppelin, der am Himmel vorüberfliegt. Genau so will ich, dass diese Texte schweben. Es geschieht etwas Merkwürdiges, wenn man Gedankenzusammenhänge auflöst, und am Ende stehen dann nur noch einzelne Worte, und man hört sie wie zum ersten Mal, zum Beispiel das Wort „Tod“. Eigentlich hängt an so einem Wort eine bestimmte Art und Weise dran, wie man es zu sprechen hat. Jedes Wort schleppt einen Gestus mit sich rum, und diesen Gestus zu zerstören und auseinanderzufetzen, ist etwas Schönes. Das befreit die Worte von diesem Ballast. Die Worte werden wieder fremd, man kann sie hören wie Musik. Deshalb fand ich die Rede, die Herta Müller vor kurzem bei der Ruhrtriennale gehalten hat, so großartig. Sie sagt, sie kannte das Wort noch nicht, und das Wort kannte sie noch nicht. Das ist eine tolle Formulierung.

tip Wenn die Horváth-Figuren beim Oktoberfest zum Zeppelin im Himmel hochschauen, ist das ein Sehnsuchtsblick, sie träumen davon, mit ihm in die Weite oder in ein ganz anderes Leben zu fliegen. Hat diese Form einer großen fliegenden Zigarre auch etwas Phallisches?
Herbert Fritsch Das Sexuelle interessiert mich daran gar nicht. Es ist mir völlig egal, ob eine Frau oder ein Mann einen Text spricht. Es geht eher um die Sehnsucht, aus der Welt zu schweben und das Leben am Boden hinter sich zu lassen: Nimm mich mit auf die Reise und erfüll’ meine Träume. Allerdings steht dieser Zeppelin bei uns ziemlich schwer auf der Bühne. Das ist nur noch das Gerippe eines Zeppelins. Was mir auch in diesen Texten so gefällt, ist, dass sie teilweise ziemlich spooky sind. Man hat manchmal das ­Gefühl, dass da Geister sprechen, Figuren aus dem Jenseits, das ist eine Twilight Zone. Man fragt sich echt: Woher kommen diese Leute? Das hat alles immer was Unheimliches.

tip Kommen sie aus der Geisterbahn, aus dem Vaudeville, aus dem Totenreich, aber auch aus dem Wirtshaus?
Herbert Fritsch Ja, alles. Diese einzelnen Sätze, die sie sprechen, sind gespenstisch. Da kommt jeder Satz aus dem Nichts. Das finde ich so interessant. Plötzlich ist da so ein Satz, man ist davon geblendet und etwas Rätselhaftes bleibt zurück. Das hat auch etwas seltsam Ekstatisches, und Ekstase lässt sich nicht so ohne weiteres auf Knopfdruck herstellen, das ist ein Geschenk. Natürlich sind das irrlichternde Kunstfiguren. Das ist alles andere als ein platter Sozialrealismus. Es gibt ja nichts Künstlicheres als den vermeintlichen Realismus. Nichts ist so manieriert wie ein „Tatort“ im Fernsehen, aber eben nicht schön und gekonnt künstlich, sondern nur dämlich. Das ist die völlige Katastrophe und soll dann angeblich realistisch sein. Wenn man genau hinsieht, ist klar, dass es die angebliche Wirklichkeit und den Realismus sowieso gar nicht gibt, wir stellen nur dauernd etwas her, was wir dann für die Wirklichkeit halten.

tip Wie geht es Ihnen mit Ihrem Wechsel von der Volksbühne, an der Sie ihre besten Inszenierungen gemacht haben, an die Schaubühne, an der Sie jetzt erstmals arbeiten? Was bedeutet dieser Umzug vom Rosa-Luxemburg-Platz an den Kurfürstendamm?
Herbert Fritsch Die Schauspieler und ich sind an der Schaubühne sehr warmherzig empfangen worden, mit einer Großzügigkeit und Offenheit, die schön ist. Aber natürlich ist es ein großer Wechsel. Ich will den Abschied von der Volksbühne und den Schmerz darüber eigentlich vergessen. Aber gestern habe ich gesehen, dass die Trailer meiner alten Volksbühnen-Inszenierungen auf Youtube gelöscht worden sind. Alle Trailer sind weg. Das ist als wollte jemand meine alten Arbeiten auslöschen. „Murmel“ wurde ans Schauspielhaus Bochum verkauft „der die mann“ an die Schaubühne, alles andere ist weg für immer.

Schaubühne Kurfürstendamm 153, Wilmersdorf, 19. – 23.9., 25. – 27.9., 20 Uhr, 30.9., 20.30 Uhr, 1.10., 18 Uhr, 2.+3.10., 20 Uhr, Eintritt 7-48 €

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