Queer Berlin

Respect Gaymes 2017

Die Respect Games schaffen einmal jährlich einen diskriminierungsfreien Sporttag für Athleten, die ansonsten zu oft homophobe Diskriminierung fürchten müssen. Besonders im Fußballsport gibt es dabei noch viel zu tun

Foto: Alexa Vachon

Es sind Worte, die beiläufig fallen. Die dahin geraunt werden am Mittelkreis, vor sich hingezischt am Strafraumrand: „Schwule Sau.“ – „Schwuchtel.“ – „Stehst du auf Männer, oder was?“ Auch an diesem Sonntagnachmittag, bei einem Freizeitkick im Grunewald, sind derartige Sprüche zu vernehmen. Dabei ist diese Partie der TU-Studentenliga ein besonderes Match: Am Spielfeldrand hängt eine Regenbogenflagge, und auf der einen Seite des Platzes steht die Mannschaft von Vorspiel SSL.
Vorspiel SSL, das steht für „Sportverein für Schwule und Lesben“, in den hellblauen Trikots kickt an diesem Tage das einzige Männerfußballteam des Clubs, der seit 1986 existiert. Und damit die einzige Mannschaft Berlins, in der vor allem Homosexuelle spielen. Heute, in der Hitze des Gefechts, ruft ein gegnerischer Spieler in Richtung eines Hellblauen: „Du Schwuler!“ Eine Provokation, klar. Kleiner Tumult, eine leichte Rangelei. Eine Entschuldigung. Dann Beruhigung.

Solche Töne und Aktionen sind nichts Besonderes auf Fußballplätzen. Schwul, lesbisch, trans-, bi- oder intersexuell zu sein und zugleich Fußball zu spielen – das scheint auch im Jahr 2017 noch schwer vereinbar zu sein. Immer wieder macht besonders der Fußball Schlagzeilen mit homophoben Aktionen, ob durch Banner in den Fankurven, Beschimpfungen auf dem Platz oder Übergriffen. Dagegen angehen, das will man mit den Respect Gaymes, die am 1. Juli im Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg stattfinden. „Wir wollen einen Tag lang einen diskrimierungsfreien Sport ermöglichen“, sagt Mitveranstalter Stefan Heissenberger vom Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg (LSVD). „Außerdem haben wir versucht, das Sportfest noch feministischer und transfreundlicher zu gestalten.“

Nach dem Spiel im Grunewald sitzt Rubén Sánchez im Schatten mit einem Wasser vor sich und ruht sich aus. Sánchez, 36, spielt in der Offensive bei Vorspiel SSL. Er ärgert sich weniger, dass das Spiel mit 2:10 verloren ging. „Das war ein sehr guter Gegner, die waren überlegen.“ Mehr wurmt ihn, dass es auch in der Liga der Technischen Universität (TU-Liga) zu Vorfällen wie jenem an diesem Tage kommt. „In der Regel sind Studenten ja offene Menschen“, sagt der von den kanarischen Inseln stammende Sánchez. „Aber ab und zu haben wir auch mit ihnen unsere Konflikte.“ Ob er auf die Beleidigungen reagiere? „Es lohnt sich nicht. Genau das will der Gegner ja.“

Sánchez – Typ kleiner Dribbler, kurze Haare und Drei-Tage-Bart – hat als schwuler Fußballer positive wie negative Erfahrungen gemacht. Bis zuletzt hat der Mittelfeldspieler, der als Lehrer arbeitet, auch beim Berliner TSC in der regulären Liga des Berliner Fußball-Verbands (BFV) gespielt. „Bei den Heteros“, wie er sagt. Die Mannschaft und der Trainer wissen, dass er schwul ist. Als er diese Tatsache erstmals hat durchblicken lassen, sei das kein großes Thema gewesen. „Inzwischen ist es normal. Als wir neulich den Saisonabschluss gefeiert haben und die Kabine voller nackter, betrunkener Männer war, hat es überhaupt keine Rolle gespielt, dass ich mittendrin war“, sagt Sánchez.

Dennoch ist natürlich nicht alles gut im Berliner Fußball. Das weiß auch die ehemalige Bundesligaspielerin Tanja Walther-Ahrens, die in einem Café in Kreuzberg sitzt und manchmal nur mit Sarkasmus über die Rückständigkeit ihres Lieblingssports sprechen kann. Sie spielt seit Jahren beim SV Seitenwechsel, dem Kreuzberger Verein für Frauen, Lesben und Transpersonen. „Wir werden vom Verband oft als der komische, der ‚andere‘ Verein wahrgenommen“, sagt sie, „das Schmuddelkind, mit dem man nicht spielen will.“ Walther-Ahrens war bis 2015 im Präsidium des BFV, ehe sie zurücktrat. Sie hat auch schon für den DFB gearbeitet. „Das größte Manko ist, dass der Fußball so behandelt wird, als drehe sich alles nur um den Sport“, sagt sie, „dabei sind die sozialen Aspekte genauso wichtig. Der vernünftige Umgang miteinander auf dem Feld. Fairness und Respekt.“

Skeptisch ist Walther-Ahrens, ob die Kampagnen der Sportverbände ausreichen, um etwas in Bewegung zu bringen. „Broschüren, Flyer und Plakate zu machen, das ist schön und gut, aber du musst diese Inhalte auch leben.“ Hinsichtlich des BFV kritisiert sie, dass nach außen egalitäre Inhalte und Gleichberechtigung propagiert würden, man sich aber zum Beispiel darüber streiten müsse, dass in Anträgen, Satzungen und Einladungen gegendert wird. Die Ex-Turbine-Potsdam-Kickerin sieht einen Zusammenhang zwischen der Diskriminierung von Fußballerinnen und homosexuellen Fußballern: „Genauso wie Sexismus zum Frauenfußball gehört, gehört Homophobie zum Männerfußball.“ Hier das Stereotyp des Mannweibs – dort der Glaube, Schwulsein und Fußballspielen gehe nicht zusammen.

Rico Bergmann, der auch Mitglied bei Vorspiel und zudem Kicker bei Grün-Weiß Baumschulenweg ist, sieht einige Initiativen durchaus auf dem richtigen Weg. Inzwischen gibt es internationale Netzwerke wie „Queering Soccer“ und „Football v Homophobia“ oder, auf nationaler Ebene, „Fußballfans gegen Homophobie“. Er glaubt aber, dass „dabei noch zu wenige Vereine aktiv und sichtbar mitmachen.“

Gesellschaftlich sei man, gerade in Berlin, weiter als auf dem Spielfeld, sagt Bergmann. Speziell im Fußball sei noch viel zu tun: „Wenn homophobe Ausfälle auf Berliner Fußballplätzen noch so weit verbreitet sind, ist das einerseits für die Außenwirkung fatal – zum Beispiel im Bezug darauf, was Kindern und Jugendlichen vermittelt wird. Und andererseits natürlich für die homosexuellen Fußballer selbst.“ Um so wichtiger, sagt Tanja Walther-Ahrens, sei es, dass man mit den Respect Gaymes auch und vor allem Menschen außerhalb der Community anspreche. „Es ist immer eine sehr nette und entspannte Stimmung dort, auf einem idealen Gelände, wie ich finde.“ Für diesen einen Tag kann man davon ausgehen, dass der Hass auf dem Platz dann Pause hat.

12. Respect Gaymes Jahn-Sportpark, Cantianstr. 24, Prenzlauer Berg, Sa 1.7., 10–18 Uhr, Turniere: (inklusiver) Fußball, Kickern, Beachvolleyball, Tennis, Jugger; Rahmenprogramm: DJs, Ausstellungen und den Gesang queerer Chöre

Clubs & Initiativen
Vorspiel SSL: www.vorspiel-berlin.de
SV Seitenwechsel: www.seitenwechsel-berlin.de

Fußballinitiativen, die sich gegen Homophobie engagieren:
fussballfansgegenhomophobie.blogsport.de
www.queeringfootball.org
www.footballvhomophobia.com

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