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„Revolution Now!“ an der Volksbühne

Berit Stumpf und Simon Will vom Performerkollektiv Gob Squad sitzen im „Herzen des Sys­tems“ oder vielleicht eher in dessen Magengegend: in der Kantine der Volksbühne. Ein paar Hinterbühnenecken weiter entwickeln sie zusammen mit den Gob-Squad-Kernmitgliedern Johanna Freiburg, Sean Patten, Sarah Thom, Bastian Trost und Gästen ihre neue Performance. Es ist ihre erste Arbeit auf der großen Bühne eines Stadttheaters, und dass dieses Projekt – frei nach Francis Ford Coppola und Sergej Eisenstein – „Revolution Now!“ heißt, ist natürlich alles andere als ein Zufall.
„Wir müssen das System bekämpfen, in das wir endlich vorgedrungen sind“, lacht Berit Stumpf. Tatsächlich hat die Truppe, die sich 1994 aus britischen und deutschen Studenten in Nottingham gründete, schon eine beträchtliche Wegstrecke hinter sich. Nicht gerade ein Marsch durch die Institutionen, eher ein Flanieren an deren Rändern, das sich zum Touren über internationale Festivals und freie Spielstätten ausgewachsen hat. „Wir haben uns ganz schön entwickelt in den letzten Jahren“, sagt Simon Will. „Die Anfragen an uns wurden mehr, gleichzeitig bekamen einige von uns Kinder. Wir muss­ten flexibler werden, was sich auf die Konzeption und Ästhetik unserer Performances ausgewirkt hat, in denen wir uns gegenseitig ersetzen können.“
In den Neunzigern gehörte Gob Squad zu einer neuen Generation von Theatermachern, die – teils in Gießens legendärer Schmiede für angewandte Thea­terwissenschaft, teils vom angelsächsischen Do-it-yourself-Kunstverständnis gestählt – antrat, dem Literaturtheater Feuer unterm Hintern zu machen: kollektiv organisiert, eher an Pop- als an Hochkultur orientiert und bereit, sich als geniale Dilettanten von Videokunst bis zum improvisierten Spiel alles selbst anzueignen, bildet die Gruppe bis heute einen Gegenentwurf zum Stadttheaterbetrieb. Schon gar zum männlich dominierten Panzerkreuzer Volksbühne.
Hier, wo neuerdings Renй Pol­lesch das interaktive Theater mit „interpassiver“ Kulturkritik zu bashen versucht, werden nun ausgerechnet Spezialisten des Live-Castings wüten. Zu Gob Squads Regiehandschrift, wenn man so will, gehört nämlich, dass sie stets nichtprofessionelle Zufallsakteure in ihre Shows integrieren. Oft ist bereits deren Anquatschen und Überreden Teil des Kunstwerks. So bestand Gob Squads Inszenierung des Pollesch-Textes „In diesem Kiez ist der Teufel eine Goldmine“ (2005) hauptsächlich aus dem so hoch komischen wie hoch peinlichen Versuch, auf der Kas­tanienallee Passanten zum Auftritt auf der Praterbühne zu ani­mieren.

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