Kultur

Rhetorikkurse in Berlin

rhetorik_benjamin_pritzkuleitBing. Der Füllwörter-Verantwortliche haut mit Schmackes auf die Klingel. Michael* hat „Äh“ gesagt. Und „Äh“ wird nicht geduldet. Es ist Michaels erste Rede bei den Berliner Meisterrednern. Und dann auch noch eine unvorbereitete, eine sogenannte Stegreifrede. Der Moderator hat ihn spontan aufgerufen, sich zum Thema BER zu äußern. Jetzt schaut Michael kurz irritiert, versucht sich aber nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, spricht dann mit ruhiger Stimme weiter. Am Ende der Sitzung wird er zum besten Stegreifredner des Abends gewählt.

Die Berliner Meisterredner gibt es seit zehn Jahren. Sie gehören zu den Toastmasters, einer internationalen Non-Profit-Organisation zur Förderung der Kunst des öffentlichen Redens und der effektiven Kommunikation. Alle zwei Wochen treffen sich rund 30 Mitglieder und Gäste in Charlottenburg in der Kantstraße 47, um gemeinsam an ihren rhetorischen Fähigkeiten zu arbeiten. Anhand von zehn verschiedenen Redeprojekten, die in einem Handbuch beschrieben werden, lernen sie Stück für Stück, wie man einen Vortrag aufbaut, prägnant formuliert und überzeugend argumentiert. Auch nonverbale Aspekte wie Körpersprache, Stimme und Atmung werden in den Redeprojekten trainiert. „Gegenseitiges Feedback spielt bei uns eine große Rolle“, sagt Daniel Krüger, Präsident der Berliner Meisterredner. „Jede Rede wird nach Kriterien wie Zeitmanagement, Sprachstil, Grammatik und Struktur bewertet. Dazu vergeben wir im Vorhinein für jede Sitzung verschiedene Ämter, die dann einen speziellen Part des Feedbacks übernehmen.“

Eine wesentliche Funktion dieser permanenten Rückmeldung liegt für Krüger darin, dass sie sowohl die Selbst- als auch die Fremdwahrnehmung schärft. „Man muss sich erst mal darüber bewusst werden, warum man aus einer soeben gehörten Rede absolut nichts mitgenommen hat oder warum die Ansprache bei den Kollegen im Job nicht die gewünschte Wirkung gebracht hat.“ Berufliche Herausforderungen sind der Hauptgrund, aus dem sich Männer und Frauen zwischen 20 und 80 bei den Berliner Meisterrednern rhetorisch weiterbilden lassen. Unter den Mitgliedern befinden sich viele Führungskräfte, die in Meetings häufig Präsentationen halten müssen. Der Großteil setzt sich jedoch aus Freiberuflern und Selbstständigen zusammen, die hoffen, sich über die Erweiterung ihrer Redefertigkeiten besser vermarkten zu können.

Krhetorik_2_benjamin_pritzkuleitrüger selbst stieß vor zweieinhalb Jahren zu den Toastmasters. „Ich musste in meinem Job eine Rede vor hundert Leuten halten. Da war mir klar, dass ich was machen muss. Ich wollte auf keinen Fall unsicher wirken oder einen schlechten Eindruck ­hinterlassen.“ Durch regelmäßige Vorträge bei den Berliner Meisterrednern bekam er schnell Routine im Sprechen vor anderen Menschen und lernte außerdem, was eine gute Rede ausmacht: „Kurze Sätze, Verben statt Substantive, Aktiv statt Passiv und eine bildhafte Sprache mit Vergleichen, Metaphern oder Gleichnissen.“

Wichtig seien auch so banale Dinge wie Wiederholungen zentraler Punkte, ein Aufbau mit erkennbarem Anfang, Mittelteil und Schluss – und ein gewisses Maß an Humor. „Rhetorik hat wenig mit Talent zu tun. Es ist Handwerk“, resümiert Krüger. Auch Peter H. Ditko, Geschäftsführer und Rhetorikcoach der Deutschen Rednerschule, glaubt nach eigenem Bekunden, dass jeder ein guter Redner werden könne. Er sieht die Ursache für die Kommunikationsdefizite vor allem in der Schulausbildung: „In deutschen Bildungseinrichtungen wird hauptsächlich Schreiben gelehrt. Das Sprechen kommt viel zu kurz. Und wenn man dann mal Referate hält, kann man davon ausgehen, dass der Lehrer eh mehr weiß als man selbst. Man muss also nicht über große rhetorische Fähigkeiten verfügen. Der Lehrer versteht ja, was gemeint ist.“

Um effektiv kommunizieren zu können, müsse also zunächst die Schülerposition abgelegt und gegen die des Lehrers eingetauscht werden. „Allein etwas zu wissen, reicht nicht“, sagt Ditko. „Es geht darum, die Ideen, die man im Kopf hat, für andere verständlich zu machen. Deshalb ist Rhetorik eine wichtige Qualifikation. Sowohl im Beruf als auch im Privatleben.“ In den Abend- und Wochenendseminaren der Deutschen Rednerschule werden die verschiedenen Kernprobleme der Rhetorik in Gruppen von bis zu sieben Personen angegangen. Fester Bestandteil ist dabei immer eine individuelle Stärken- und Schwächenanalyse. Der Workshop „Selbstsicherheit & Überzeugungskraft“ richtet sich an alle, die unter sogenanntem „Redestress“ leiden. Damit bezeichnet ­Ditko eine panikartige Angstreaktion, die dazu führt, dass man beim Präsentieren vor anderen nicht mehr klar denken kann und den Faden verliert. Eine Videoanalyse des eigenen Auftretens und das Erlernen bestimmter Atem- und Stimmtechniken helfen den Teilnehmern dabei, ihre Panik abzubauen.

In einem nächsten Schritt kann dann im Aufbauseminar „Argumentation & Schlagfertigkeit“ an der eigenen Überzeugungskraft gearbeitet werden. Da diese stark von der Glaubwürdigkeit der eigenen Person abhängt, empfiehlt sich auch der Kurs „Rhetorik und Persönlichkeit“. Hier entwickeln Teilnehmer gemeinsam mit dem Rhetorikcoach einen auf sie zugeschnittenen, authentischen Redestil. „Man kann Leute nicht komplett umpolen. Und das wollen wir in unseren Seminaren auch nicht“, erklärt Ditko. „Um überzeugend zu sein, darf man keine Rolle spielen.“

* Name von der Redaktion geändert

Text: Henrike Möller

Foto: Benjamin Pritzkuleit

ADRESSEN:

Berliner Meisterredner Kantstraße 47, Charlottenburg, Club-Treffen an jedem 1. und 3. Donnerstag im Monat, 19.30 Uhr, Monatsbeitrag: 10 Ђ, www.meisterredner.org

Deutsche Rednerschule Seminare auf dem Schiff Agora, Liegeplatz an der Marschallbrücke, Mitte, Wochenendseminare (1,5 Tage): 560 Ђ, Chefseminare (2 Tage; bei Peter H. Ditko): 1560 Ђ, www.deutsche-rednerschule.de

 WEITELESEN:

Thomas Schildhauer über das Weiterbildungs-Konzept „Heldenprinzip“ der UdK    

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