• Kultur
  • Roadrunner’s Paradise Race in Finowfurt

Kultur

Roadrunner’s Paradise Race in Finowfurt

roadrunnerWenn Renй Asboe die Hände auf den Lenker legt und mit der rechten am Gas dreht, dann strahlt er. Der Grund – ohrenbetäubender Lärm. Nein, falsch! „Das ist kein Krach, das ist der Sound, das ist der Charakter des Bikes“, ruft der Motorrad-Mechaniker. Und lässt wieder die akustischen Muskeln des Zweirads spielen. Draußen, unter freiem Himmel, auf einem alten Fabrikgelände an der Grenze zwischen Wedding und Tiergarten. Dort steht seine Werkstatt „Bike hoch zwei“, in der er sich auf die Reparatur von motorisierten Zweirad-Oldtimern aus Großbritannien spezialisiert hat, den Brit Bikes.
„Empfindliche Menschen würden bei den Dezibel auf die Barrikaden gehen“, grinst Asboe. Allerdings ist es den Urgesteinen unter den Motorrädern erlaubt, Krach zu machen. Das ist gesetzlich geregelt und für Classic-Bike-Liebhaber ausschlaggebend: „Es ist der Sound, der mich zu den Brit Bikes gebracht hat“, erklärt Asboe. Die Geräuschkulisse eines Oldtimers ist so speziell, dass Kenner sofort erkennen, welche Fraktion der Classic-Bike-Community gerade vorbeifährt.

Eine Community, die nämlich alles andere als eine homogene Masse ist: Die einen fahren alte Engländer wie Triumph oder Norton, andere schwören auf Italiener wie Ducati oder Moto Guzzi, wieder andere stehen auf US-Bikes wie uralte Harleys oder eine Indian. Jede Marke hat ihren eigenen Klang. „Es ist aber auch die Handlichkeit, die einfache Mechanik, die den Spaß ausmacht“, erklärt Asboe weiter. Selber an seinem Bike herumzuschrauben, den Auspuff zu ersetzen, den Motor auszutauschen. Es sei der haptische Umgang mit seinem fahrbaren Untersatz, der eine „emotionale Verbundenheit“ zwischen Bike und Biker schaffe. Eben anders als bei modernen Motorrädern, die mit komplizierter Elektronik ausgestattet sind, und mit denen sich nur noch Hightech-Spezialisten auskennen, wenn die Gangschaltung mal rattert. Das sieht Markus Ernst genauso. Der Kostümbildassistent fährt seit 30 Jahren Oldtimer und hat seine Triumph ins Bike hoch zwei gebracht, um sie für den Frühling auf Vordermann bringen zu lassen. „Natürlich ist der Reiz, Motorrad zu fahren, der tiefste Bestandteil für unsere Leidenschaft“, sagt er. Dazu komme aber auch das gesamte Lebensgefühl, das sich um Classic Bikes drehe. Das schließt die Idole der jeweiligen Epochen ein und daher hängt ein kleines schwarz-weißes Foto in der Werkstatt an der Wand und zeigt den legendären Schauspieler Steve McQueen in verdreckter Rennkluft an der Startlinie für ein Motorradrennen. Auf einem Engländer.

roadrunner„Mit ihm sind Brit Bikes zum Kult geworden“, erklärt Ernst und zieht lässig an seiner Zigarette. Es sei das Lebensgefühl der 50er-, 60er-Jahre in Kalifornien, das man mit einer alten Triumph erlebe. „Man fühlt sich zum Beispiel wie Marlon Brando auf seinem Engländer in der Rockergeschichte ‚The Wild One‘?“, sagt Ernst und grinst dabei. „Und nicht wie Brandos Gegenpart Lee Marvin, der eine Harley fährt.“ Ein wenig Konkurrenz wird auch heute noch augenzwinkernd zwischen den Anhängern der verschiedenen Motorrad-Länder ausgelebt. Das spricht aber nicht gegen eine Freundschaft zwischen Ernst und Fred Mullen, der eine US-amerikanische 1937er Indian fährt. Wie auch. Mullen begeistert sich schließlich für die Ära der 1940er-Jahre. „Das waren die Zeiten, als Jungs sich aus Geldmangel alte Maschinen kauften, an ihnen rumschraubten und Rennen fuhren.“ Die Zeiten der Schiebermützen und umgekrempelten Jeanshosenbeine.

Mullen huldigt seiner Liebe zu Classic Bikes in einer Art Garagenbar, in der an vergangene Rockerzeiten erinnert wird, dem Roadrunner’s Club im Prenzlauer Berg. Dort finden Partys statt und es treten Bands auf, die an Legenden wie Johnny Cash oder Elvis erinnern. Aber seine Leidenschaft geht noch weiter: Nachdem Ernst und Mullen beschlossen, dass zu einer enthusiastischen Beziehung zwischen Classic Bike und Fahrer auch der Rennbetrieb gehört, riefen sie vor 14 Jahren das Roadrunner’s Paradise Race 61 ins Leben. Einmal im Jahr qualmen und quietschen die Reifen zwei- und vierrädriger Oldtimer auf einem stillgelegten Flughafen im Umland von Berlin. Auf Achtelmeilen-Rennen messen zwei Gegner ihre Kräfte. Startergirls winken in engen Jeans, mit knallrotem Lippenstift und Pferdeschwanz die Rivalen durch und dann geht es ums Gewinnen. „Was uns auf dem Festival alle eint, ist die Liebe zu den Oldtimern und der damaligen Zeit“, sagt Ernst. Waren es anfangs rund 400 Besucher, die auf das Rock’n’Race-Event kamen, so rechnen Ernst und Mullen in diesem Jahr mit rund 7?000. Der Grund: „Im Moment sind Classic Bikes weltweit wieder im Trend. Wir sind alle infiziert von einem Lebensgefühl.“

Text: Wiebke Heiss

Fotos: Michael Schönherr / Jahpix.de

Roadrunner’s Paradise Race 61 Luftfahrtmuseum Finowfurt, Museumsstraße 1, 16244 Finowfurt, 1.-3.7., Tickets: Fr 1.7.: 15 Ђ, Sa 2.7.: 20 Ђ, So 3.7.: 5 Ђ, Wochenendticket: 40 Ђ (inklusive Campground), www.racesixtyone.com

Mehr über Cookies erfahren