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Robert Lepages „Eonnagata“ im Haus der Berliner Festspiele

Die Aufführung beginnt mit Platons „Symposion“: Sylvie Guillem trägt den Text über die Kugelmenschen vor: Sie waren so glücklich, dass Zeus eifersüchtig wurde und sie zerstörte, indem er sie in zwei Hälften spaltete, die fortan einander suchen mussten. Das männliche Geschlecht steht für die Sonne, das weibliche für die Erde und das kombinierte, das dritte Geschlecht, für den Mond. Das folgende
Solo gehört Lepage, der die Luft mit Schwertern zerfurcht, bis sie brennt: Zeus bei der Erschaffung der Geschlechter oder schon der Chevalier beim Schwert­kampf? So rätselhaft ineinandergleitend, so doppeldeutig und manchmal auch unverständlich sind viele der
Zauberbilder – zumindest waren sie es bei der Premiere im März im Sadler’s Wells in London. Aber Lepage ist dafür berühmt oder berüchtigt, dass seine Aufführungen bei der Premiere nie fertig sind.
Er erzählt das Leben des Che­va­liers nicht chronologisch, sondern impressionistisch. Russell Ma­liphant ist der junge Dragoner voller Kraft und Kampfeslust, Sylvie Guillem seine weibliche Ja­nus­gestalt.
Robert Lepage spielt anrührend die ältliche Matrone mit roter Perücke und riesigem Reifrock. Mit Fächern und Stangen, Vorhängen und schweren Tischen, die sich in leichte Spiegel verwandeln, mit ausladenden
Gebärden, in die Höhe gereckten oder ineinander verkeilten Körpern tanzen sie allein, zu zweit oder zu dritt (ja, auch Lepage tanzt – er hat dafür zehn Kilo abgenommen und schlägt sich wa­cker zwischen den zwei Koryphäen). Briefe Beaumonts werden verlesen und biografische Hinweise – verbale Dialoge gibt es nicht, nur getanzte. Dabei geht es
immer wieder um die Identitätsfindung, wird aus der Frau ein Mann durch ein neues Kostüm, aus dem Mann eine Frau durch eine Veränderung von Gang und Ges­tus. In der Schlussapotheose liegt Lepageaufgebahrt, die Ärzte untersuchen ihn, und ein bizarres Gerät, an beiden Enden leuchtend, hängt über ihm. Die Himmelslampe schwingt hin und her in immer größeren Kreisen, bis sie zur Seele wird, die
davonschwebt – vermutlich direkt und glücklich zu den Kugelmenschen.

Text: Renate Klett / Fotos: Erick Labb

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Termine: Eonnagata
im Haus der Berliner Festspiele,
Do 12. bis So 15.11., 20 Uhr
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

Nahaufnahme:
Robert Lepage
Die Theaterkritikerin Renate Klett hat den frankokanadischen
Schauspieler, Theater-, Opern- und Filmregisseur Robert Lepage in
langen, sehr offen geführten Interviews über sein Theaterverständnis,
über die Arbeit auf drei Kontinenten und über sein Leben befragt.
Entstanden ist daraus ein vielschichtiges Porträt des
Ausnahme-Regisseurs.

Renate Klett (Hrsg.) „Nahaufnahme Robert Lepage“, mit DVD, Alexander Verlag Berlin, 208 Seiten, 19,90 Ђ
Buchpräsentation Haus der Berliner Festspiele, Sa 14.11., 22 Uhr

weitere Stücke bei spielzeiteuropa:

NEW WORK 2009 (MICHAEL CLARK COMPANY)

DIE SIEBEN TODSÜNDEN (TANZTHEATER WUPPERTAL)

IMPROMPTUS (SASHA WALTZ & GUESTS)

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