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Politisches Theater

„Rückkehr nach Reims“ an der Schaubühne (Rezension von Peter Laudenbach)

Thomas Ostermeier findet für Didier Eribons grandiosen autobiografischen Essay „Rückkehr nach Reims“ eine kluge Übersetzung auf die Bühne

Foto: Arno Declair

Das Timing der Premiere war auf gespenstische Weise perfekt. Während am Wahlsonntag die AfD ihren Einzug in den Bundestag feierte, konnte man an der Schaubühne den ratlosen, eindringlichen, wütenden Versuch einer Ursachenforschung sehen. Thomas Ostermeier hat Didier Eribons autobiografischen Essay „Rückkehr nach Reims“ inszeniert, eines der wichtigsten Bücher der letzten Jahre. Eribon, Foucault-Biograf und Pariser Star-Intellektueller, besucht die Vorstadt in der Provinz und, wichtiger und schmerzhafter, seine Mutter und das soziale Milieu seiner Herkunft. Mit seinem toten, homophoben Vater hat er in den vergangenen Jahrzehnten kaum gesprochen, seine proletarische Herkunft hat er beim Aufstieg in der akademischen Welt abgestreift wie den peinlichen Überrest seines früheren Lebens. Der schwule Soziologe hat über Exklusion und sexuelle Scham geforscht. Die soziale Scham hat er, gerade weil sie seine Jugend prägte, nie zum Thema seiner Arbeit gemacht. Seine Befreiung vom Milieu seiner Herkunft wird so paradigmatisch für das Desinteresse der akademischen Kulturlinken an der Arbeiterklasse. Jetzt wundert sich dieses Juste Milieu, weshalb die materiell und kulturell Abgehängten, wie Eribons proletarische Familie, die früher immer Kommunisten gewählt haben, seit Jahren Le Pen stark machen.

Ostermeier findet für Eribons Essay eine kluge Übersetzung. In einem in die Jahre gekommenen Tonstudio soll ein Dokumentarfilm über das Buch vertont werden. Eribons Selbstkritik am avancierten Kulturmilieu findet schließlich innerhalb dieses Milieus statt und führt infolgedessen vor allem zu neuen Büchern, Theoriedebatten, Theateraufführungen und Filmen samt der damit verbundenen Hoffnung der Beteiligten auf so zu erzielende Distinktionsgewinne. Entsprechend kulturbetriebsopportunistisch tritt der etwas teigige Regisseur des kritischen Dokumentarfilms auf (Hans-Joachim Wagner). Zum Berufsprofil gehört, dass er jederzeit bereit ist, die berühmte Schauspielerin, die die Tonspur einspricht, mit Komplimenten einzudecken, schon um lästige Diskussionen im Keim zu ersticken. Die berühmte, politisch interessierte Schauspielerin wird von der berühmten, politisch interessierten Nina Hoss gespielt. Zuerst ist sie vor allem die Tonspur-Sprecherin, die sich konzentriert durch ihren Text arbeitet. Dazu sieht man Filmaufnahmen einer Reise in die Hochhaussiedlungen-Tristesse eines Unterschicht-Frankreichs, das seinen proletarischen Stolz verloren hat. Für den Film ist Didier Eribon gemeinsam mit Ostermeier und dem Dokumentarfilmer Sébastien Dupouey noch einmal nach Reims gefahren; etwas hilflos und anrührend bescheiden sitzt er im Wohnzimmer seiner Mutter. Eribons Überlegungen zum Verrat der Linken an den Deklassierten unterlegt Ostermeier höhnisch mit Aufnahmen Joschka Fischers oder des Agenda-Kanzlers Schröder – eine Polemik, die Eribons skrupulöse Selbstbefragung aggressiv vergröbert. Berührend ist, wie Hoss diese Abrechnungsebene verlässt und von ihrem eigenen Vater spricht, dem Kommunisten Willi Hoss, ein beeindruckend aufrechter Mensch, der es nie nötig hatte, sein Ego mit Brioni-Anzügen und anderen Zeichen des sozialen Aufstiegs zu panzern.

Schaubühne Kurfürstendamm 153, Wilmersdorf

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