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Sasha Waltz\ „Jagden und Formen“ mit der Musik von Wolfgang Rihm im Haus der Berliner Festspiele


Sasha Waltz liebt Herausforderungen. Je größer die Räume, je komplizierter die Musik, desto mehr scheint die Fantasie der Choreografin angeregt. Das konnte man mal wieder in diesem Frühjahr erleben, als Sasha Waltz so grandios das Neue Museum mit einer Tanzinstallation bespielte. Jetzt gas­tiert Sasha Waltz mit „Jagden und Formen“ bei der Spielzeit’europa, ein Stück zu einer eigentlich unvertanzbaren Musik von Wolfgang Rihm. Unvertanzbar vor allem we­gen des ungeheuren Pathos dieser Komposition, die Rihm 1995 begann und seitdem immer wieder überarbeitete. Er wird damit jetzt aufhören. Mit Sasha Waltz’ 2008 in Frankfurt uraufgeführter Choreografie hat sich für ihn die Musik vollendet.
Sasha Waltz, die das Stück zu einem Zeitpunkt erarbeitete, als sie sich für ein Jahr aus Erschöpfung von allen anderen Verpflichtungen zurückgezogen hatte, hat mit „Jagden und Formen“ eine ihrer besten Arbeiten vorgelegt. Obwohl, oder vielleicht gerade, weil das Stück etwas Unfertiges, Skiz­zen­haftes hat. Anders kann man vermutlich mit diesen oft sperrigen Klängen gar nicht umgehen. Zuweilen schmiegen Klänge und Körper sich regelrecht ineinander, dann wieder scheinen sie eher wuchtig aufeinanderzuprallen. Was auch immer sie miteinander tun, sie potenzieren sich gegenseitig. Das Ensemble Modern sitzt mit auf der Bühne und nimmt etwa ein Drittel des Platzes ein. In einer der schönsten Szenen werden sich die Musiker unter die Tänzer mischen, sich mit ihren Ins­trumenten auf den Boden legen und die Musik in die Lüfte aufsteigen lassen.
Wolfgang Rihm hat schon einmal für den Tanz choreografiert. „Tutuguri“ hieß das Ballett nach Antonin Artaud, das 1982 an der Deutschen Oper uraufgeführt wur­de und furchtbar scheiterte. Statt Meskalinräuschen gab es albernen Mummenschanz. Ganz anders die Bilder, die Sasha Waltz findet. Da liegen vier Tänzerinnen auf dem Bo­den, die Körper gespannt, die Arme nach oben gestreckt – und werden von hinzukommenden Tänzern wie Schlingpflanzen fortgezogen, während gleichzeitig Kla­­rinettenklänge gurgelnd in der Klanglava versinken. Etwas Willenloses und gleichzeitig Gewalttätiges liegt in der Szene. Etwas von einem stummen Schrei, auch wenn keiner der Tänzer den Mund öffnet. Man hat zuweilen den Eindruck, in eine Unterwasserwelt zu schauen.
„Jagden und Formen“ ist ein Spiel mit barocken Formen, das sich in seinem Verlauf aller Leichtigkeit entledigt. Denn wo gejagt wird, gibt es Opfer. Das legen Musik und Tanz bloß. Am Ende, wenn sich die Tänzer tatsächlich jagen, wenn drei von ihnen in konvulsivische Zuckungen verfallen, nimmt die Waltzsche Choreo­grafie es mit den „Sacre“-Motiven der Komposition auf. Überhaupt scheint „Sacre“ untergründig der Faden gewesen zu sein, mit dem sich Waltz durch den Rihmschen Klangdschungel hindurchgearbeitet hat. Nicht illustrativ, sondern als pures Konzentrat.

Text: Michaela Schlagenwerth / Foto: Dominik Mentzos

Termine: Jagden und Formen
im Haus der Berliner Festspiele,
Fr 20., Sa 21.11., 20 Uhr
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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