Kultur

Schafe für Lichtenberg

Schafe für Lichtenberg

Früher war der graffiti­verzierte Betonklotz ein Heizhaus. Nun stapeln sich in ihm Heu und Wolle. „Das ist unsere Scheune“, sagt Stephan Lübke. Der Betriebswirt, spezialisiert auf Standortentwicklung, arbeitet für den Verein Agrarbörse Deutschland Ost, der im Auftrag des Bezirks Lichtenberg den Landschaftspark Herzberge betreut. Seine wichtigsten Helfer dabei: eine Mutterherde von 50 Rauwolligen Pommerschen Landschafen sowie drei Schottische Hochland-Jungbullen.
In gewisser Weise wiederholen Lübke und Kollegen damit die Geschichte: Seit dem 13. Jahrhundert war der heute gut 100 Hektar große Park von Landwirtschaft geprägt. Doch nach der Wende hatten Leerstand und Vandalismus das Gelände übernommen. „Wirtschaftsdienliche Maßnahme“ überschrieben Bezirksamt und Agrarbörse daher die Idee, ab 2004 dem Niedergang eines ganzen Stadtquartiers zu begegnen – und zwar mithilfe von Schafen. „Manche Leute haben uns für völlig verrückt erklärt“, erinnert sich Stephan Lübke. Inzwischen sind die meisten Bauten ökologisch wertvollen Wiesen gewichen, auf dem Gelände entstehen Eigentums- und Mietwohnungen, beworben mit „Erholung in einem Idyll“.
Allerdings: „Bei allem Naturerlebnis verstehen wir uns nicht als Streichelzoo, sondern als richtiger Bauernhof„, sagt Lübke. Zwei Schäfer kümmern sich um die Herde und treiben sie im Rotationsprinzip über die insgesamt 35 Hektar großen Weideflächen. Die Wolle verkauft die Agrarbörse als Bastelmaterial sowie an Firmen, die daraus Düngemittel für Bio-Landwirte herstellen. Zudem hat die Herde rund 70 Lämmer pro Jahr, die im Herbst zu einem Schlachter  kommen. Acht Euro kostet das Kilo. Diese Erlöse finanzieren die Arbeit des Projekts, wenn auch nur zum Teil. „Schäferei in der Stadt ist nur mit Zuschüssen möglich“, so Lübke. Im Falle der Agrarbörse heißt das: Entlohnung für die Landschaftspflege durch den Bezirk sowie Fördergelder für die Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen und Menschen mit Suchtproblemen. „Für viele ist der Umgang mit den Tieren sehr stabilisierend“, so Lübkes Beobachtung.

Text: Roy Fabian

Foto:
David von Becker

Weitere Informationen unter www.landwirtschaft-berlin.de und www.landschaftspark-?herzberge.de

Lesen Sie mehr zum Thema Urban Farming

 

Mehr über Cookies erfahren