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Schauspieler Lars Eidinger über sein Charlottenburg

David von BeckerHerr Eidinger, Sie haben als Treffpunkt das Lon-Men’s Noodle House in der Kantstraße vorgeschlagen. Essen Sie oft hier?
Es ist mir fast ein bisschen peinlich, das zu sagen: fast jeden Tag. Das Essen ist gut, aber vor allem mag ich die Atmosphäre gerne, hier sitzen immer ganz viele Chinesen. Das war hier lange Zeit eine Ecke, wo es nur Import-Export-Ramschläden gab, aber jetzt gewinnt die Gegend grad total, was Restaurants und Cafйs angeht. Gegenüber gibt es einen super Thailänder, Dao. Und man sieht hier wahnsinnig viele junge Leute. Ich habe das Gefühl, die Kantstraße ist die neue Torstraße.

Sie wohnen in der Nähe des Savignyplatzes?
Ja. Ich mag den Savignyplatz auch, aber unsere Ecke ist mir ein bisschen zu prollig geworden. So neureich, ein bisschen zu viel Geld und ein bisschen zu wenig Geschmack. Das ist auch nicht familienfreundlich. Wir haben ewig nach einer neuen Wohnung gesucht und ziehen um.

Wohin?
An den Stuttgarter Platz. Ich wohne seit 15 Jahren in Charlottenburg, mir gefiel schon immer das Alt-Linke des Bezirks und die Geschichte der Kommune I am Stuttgarter Platz.

Ist es da familienfreundlicher?
Ich wünschte mir, da würden noch mehr Jüngere wohnen, aber Familien gibt es dort schon. Das ist ja immer ein bisschen das Problem in Berlin, dass es sich doch stark separiert, wobei ich Charlottenburg durchmischter finde als andere Bezirke. Nur Familien ist schrecklich, nur alte Leute auch und nur Hipster geht auch nicht. Die Mischung macht’s

Sie wohnen in Charlottenburg und arbeiten am Ku’damm. Kommen Sie überhaupt noch aus dem Bezirk raus?
Wir sind jedes Wochenende in Kreuzberg, die  Ecke Kreuzberg-Neukölln ist die spannendste in Berlin. Aber ich kann da nicht wohnen, weil ich dann doch ein Problem habe, wenn ein Kampfhund ohne Maulkorb an meiner sechsjährigen Tochter rumschnuppert. Ich komme da in Stress. Aber für mich ist dann nicht die Konsequenz, die Leute dazu zu zwingen, den Hunden einen Maulkorb umzulegen, sondern ich wohne halt dort, wo es anders ist. Genauso wie ich eher auf einen sauberen Hausflur stehe als auf einen vollgekotzten.

Es gibt riesige Bautätigkeiten am Ku’damm, vieles davon in der Luxusklasse. Haben Sie denn Angst, dass der Bezirk bald total schick wird?
Dass Zoopalast und Bikini-Haus saniert werden, finde ich super, weil ich gerade von dieser Ecke ein totaler Fan bin, mit der Gedächtniskirche, dem Zoo und dem Europacenter. Ich habe eher das Gefühl, der große Reiz an Charlottenburg ist, dass Charlottenburg selber gar nicht weiß, wie schön es ist.

In welchem Bezirk sind Sie aufgewachsen?
In Tempelhof. Für mich war es immer schon total aufregend, dass es Leute gibt, die am Ku’damm wohnen. Das hatte für mich immer etwas total Großstädtisches und Großbürgerliches. Ich gehe auch gern ins KaDeWe, weil es immer noch den Geist von Großbürgertum verströmt. Und es gibt hier wahnsinnige Wohnungen, gerade an den großen Straßen.

Ist Charlottenburg entspannt?
Ja. Vor allen Dingen auch in der Hinsicht darauf, was so treffend mit dem Begriff Szenedruck beschrieben wird. Hier muss man nicht überlegen, was man anziehen soll, bevor man einkaufen geht.
 
Es gibt hier einige Künstlerkneipen, die sind ziemlich trendresistent.

Die finde ich auch toll, gehe aber  nicht oft hin. Beim Diener denkt man, den gibt es gar nicht mehr, dann läuft man vorbei – hat der doch noch auf. Und man bekommt irgendwie Angst, dass man reingeht und alle drin sind tot. Lauter Mumien. Aber ich mag diese Welt.

Die Schaubühne hat ein junges Publikum, viele Studenten, obwohl sie am gesetzten Kurfürstendamm liegt.
Ja, ich guck ja auch beim Spielen ins Publikum und bin immer entzückt, wie viele junge Leute da sind. Die kommen nicht alle aus Charlottenburg, da bin ich mir ganz sicher, weil wir im Gegensatz zu Theatern, die in Mitte liegen, keine Laufkundschaft haben. Die haben sich in die S-Bahn gesetzt und sind hierher gefahren. Vor zehn Jahren habe ich an der Schaubühne mit der Reihe Autistic Disco begonnen. Damals war ich froh, wenn 30 bis 50 Leute kamen, und davon waren 80 Prozent meine Freunde. Mittlerweile kommen über 500 Leute und es gibt einen Einlassstopp. Die Leute fahren zu einer Party extra nach Charlottenburg, wo es in Berlin doch so ein Überangebot an Partys gibt. Ich glaube, die freuen sich über eine Reise in den Westen. Sie sind direkt von der Probe zu „Romeo und Julia“ gekommen, das Stück wird am 17. April an der Schaubühne Premiere haben.

Sie führen zum zweiten Mal Regie. Wie läuft es?
Die Stimmung ist ein bisschen so, als wenn die Eltern nicht zu Hause wären. Und Shakespeare ist so unerschöpflich, nie verkopft oder krampfig, sondern immer spielerisch und lustvoll. Sein Stilmittel ist die Verbindung von scheinbaren Gegensätzen, nichts ist schwarz oder weiß, sondern immer beides. Das macht seine Stücke so wahnsinnig reich und komplex. Ich habe im Moment nur ein Problem. Wir proben in Reinickendorf und das ist so unendlich weit weg.

Interview: Stefanie Dörre

Foto: David von Becker


„Romeo und Julia“
Premiere 17.4., Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153, Karten-Tel. 89 00 23

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