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Kommentar

„Scheinriesen“ von Erik Heier

Die Berliner SPD ist der kleinste Wahlsieger aller Zeiten in einem deutschen Bundesland. Wenn Michael Müller seinen Wahlkampf-Tunnelblick wieder ausknipst, wird er sich umgucken. Sehr viel Licht am Ende des Tunnels ist da nicht mehr.

Erik Heier

Keine 22 Prozent. Klaus Wowereit ist, als sich die SPD-Umfragen in vergleichbaren Regionen bewegten, von sich aus in die Wüste gegangen. Müller dagegen jubelt mit zusammengepressten Lippen über „trotzdem klare Verhältnisse“. Ganz so, als wäre ein Absturz um fast sieben Prozentpunkte völlig egal, so lange nur die anderen mit über die Wupper gehen. Vielleicht hätten sie bei der SPD-Wahlparty statt des kraftmeierischen „Seven Nation Army“-Riff von den White Stripes lieber eine melancholische Roger-Whittaker-Weise aufgelegt. Die 17,6-Prozent-Rekordklatsche der CDU ist das letzte Geschenk Frank Henkels an den Weiter-Regierenden. Voraussichtlich darf sich Müller jetzt mit einer wieder erstarkten Linken befassen, die in die Sondierungsgespräche sicher nicht nur Wink­elemente mitbringen wird. Und die Grünen wirken auch nicht, als ließen sie sich die Vorfreude auf die Regierungsbeteiligung von ihrem dann doch dürftigen Wahlergebnis verderben. Die Berliner Wähler haben die Große Koalition kurz- und kleingemacht haben, aber Rot-Rot-Grün nicht üppig hochgejazzt. Dazu kommt die AfD erschreckend stark um die Plattenbauecke. Jede andere Koalition außer Rot-Rot-Grün wäre jetzt Wählerbetrug. Die Koalition der Scheinriesen ist natürlich eine Chance für Berlin. Und für Michael Müller selbst. Aber eben auch: seine letzte.

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