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Kultur

Schnell mal raus aus Berlin

Zoo_Leipzig150 Kilometer bis Leipzig

Die Äffchen sind klein und süß. Sie sind aber auch unheimlich flink, wenn es darum geht, Handtaschen oder Handys zu entwenden. Und weil die Städter nicht an freilaufende Affentrupps gewöhnt sind und alle Vorsicht vergessen, tragen die Wärterinnen in Gondwanaland Pflanzensprüher, um Affe und Mensch im Notfall durch den Wassernebel zu trennen. Gondwana ist der Name eines der Urkontinente. In der riesigen Tageslichthalle, die seit Juli 2011 den Zoo Leipzig erweitert, leben Tiere aus drei Kontinenten mehr oder minder frei zusammen. Eigentlich können sich nur die Affen dort ungehindert bewegen. Aber mal ehrlich, bei Ozelot, Komodowaran und Sunda-Gavial ist man auch nicht unglücklich, wenn einen meterdickes Panzerglas von messerscharfen Zähnen trennt. Und auf den Hängebrücken und Pfaden durch Dschungelpflanzen fühlt man sich, als wäre man im Urwald gelandet.

Der Zoo Leipzig ist für seine Art der Tierhaltung berühmt: nicht auf dem Präsentierteller, sondern in großen, durch viel Grün teilweise vor den Blicken der Besucher geschützen Anlagen. Das Publikum kann die Tiere zwar nur an ausgewählten Stellen beobachten, doch das sorgt für ein Safari-Gefühl. Der Tiger lässt sich nicht lumpen, steigt in den Wassergraben und zeigt die Zähne. Die Löwen brüllen. Die Orang-Utan-Muttis bringen ihren Babys das Klettern bei. Nur nach Zooschluss gibt es ein Problem: In der Umgebung findet man nichts zu essen. Da muss man sich trotz katastrophaler Verkehrsführung ins Altstadt-Zentrum am Hauptbahnhof durchschlagen, und da ist es auch schön.

Text: Stefanie Dörre, Foto Harry Schnittger
Zoo Leipzig; Pfaffendorfer Straße 29, Okt. tgl. 9–18 Uhr, Nov. u. Dez. tgl. 9–17 Uhr, www.zoo-leipzig.de


79,4 Kilometer bis Frankfurt/Oder

Heinrich von Kleist floh nach drei Semestern aus Frankfurt/Oder, und viele Studierende der Viadrina treten heute ebenfalls lieber den langen Fluchtweg nach Berlin an, als ein Wochenende dort zu verbringen. Sogar die Einheimischen haben für ihre Stadt keine Tipps. Doch Kleist ist in Frankfurt/Oder geboren. Und wann, wenn nicht jetzt im Kleistjahr (am 21. November 1811 erschoss sich Kleist am Kleinen Wannsee), möchte man nachsehen, ob sich dort nicht doch irgendetwas Interessantes findet.

Und tatsächlich, Kleists Geburtsstadt hat einiges auf die Beine gestellt, um ihrem berühmtesten Bürger, noch vor Henry Maske, zu gedenken. Nähert man sich dem Stadtzentrum, ist es unmöglich, sich zu verlaufen, so gut sind die Sehenswürdigkeiten ausgeschildert. Zentral ist das Kleist-Museum, das den Nicht-Berliner Teil der Doppelausstellung „Krise und Experiment“ mit Details zu Leben und Werk zeigt. Unweit davon haben Jugendliche ihm, der nie eine eigene Wohnung hatte, an der Stelle, wo einst sein Geburtshaus war und jetzt ein abbruchreifer Neubau steht, eine farbenfrohe Kleist-WG eingerichtet. Da es von Kleist nur ein einziges authentisches Bild gibt, imaginieren sie, wie er in verschiedenen Lebensphasen ausgesehen haben mag. Im Weißen Raum ist der Streit mit Goethe dargestellt, Kleist muss als Einziger auf einem Ministuhl sitzen. Auch die Uni und das Kleist-Forum haben sich Kleist zum Thema gesetzt, mit einer Schau zur Stadtgeschichte seiner Zeit und Gastspielen des Maxim Gorki Theaters. Und wen es wie Kleist nicht lange in Frankfurt hält, der läuft über die Oder nach Polen.

Text: Marion Bergermann
Kleist-WG Faberstraße 7, Frankfurt/Oder, bis 1.11., Di–Sa 11–17 Uhr, www.kleist-museum.de


194 Kilometer bis Wernigerode

Bei der Einfahrt nach Wernigerode springen zwei Wahrzeichen ins Auge. Das Schloss thront auf einem Harzer Felsvorsprung hoch über dem Mix aus
Neubaugetto und Fachwerkaltstadt. Und unter einer weißen Rauchsäule leuchtet der Auerhahn der Hasseröder-Brauerei. Milder Hefegeruch liegt in der Luft, als die Tour über das Gelände der Hasseröder-Produktion startet. Ökologische Aspekte und Wissenswertes rund um Brauprozess, Abfüllung und Logistik kommen bei dem Rundgang durch eine der modernsten Brauereianlagen Europas nicht zu kurz.

Highlight ist allerdings die Verkostung der Biere, dazu werden Snacks von der großen Harzer Schlachtplatte gereicht. Brauereiführer Michael Weiß gibt im Anschluss an das kleine Gelage gern Ausflugstipps in die Umgebung. Er empfiehlt ein Baumkuchencafй, die Höhlen um Elbingerode und die Rapprode-Talsperre. Als Erstes deutet er allerdings in Richtung Schloss. „Ein Muss.“ Mit der Wernigeröder Schlossbahn gelangt man in fünf Minuten auf den Vorplatz des Schmuckstücks, das als Leitbau des norddeutschen Historismus gilt. Das Ensemble diente wegen seiner malerischen Schönheit als Kulisse für das DEFA-Märchen „Schneeweißchen und Rosenrot“. Neben einem Rundgang durch die 50 Räume der Residenz sind vor allem die Schlossterrassen ein Besuchermagnet. Bestimmt auch, weil man sie ohne Eintritt zu zahlen erreichen kann. Die Aussicht auf den Brocken, die bewaldeten Harzausläufer und die Wernigeröder Altstadt ist fantastisch. Als kitschige Erinnerung werden im Festungsturm in historischen Roben und Rüstungen Fotos gemacht (etwa 13 Euro).

Text: Susan Schiedlofsky

Brauereiführung Hasseröder,
Auerhahnring 1, Wernigerode, Tel. 03943-93 62 19, nach Anmeldung Mo–Fr
9, 13, 14, 17 Uhr, 12,90 Euro; Schloss Wernigerode, tgl. 10–18 Uhr, ab
November Di–Sa 10–17 Uhr


188 Kilometer bis Naumburg

„Wenn ich ein weibliches Geschöpf aus der Kunstgeschichte treffen wollte, dann Uta von Naumburg oder Leonardos Dame mit dem Hermelin“, sagt Umberto Eco. Bis heute zieht die kühle Schönheit, die mit scheuem Blick den Mantelkragen hochschlägt, die Betrachter in ihren Bann. Ihr Typus entsprach in den 1920er-Jahren dem Inbegriff der modernen Frau, wie eine spannende Zusatzschau zur Uta-Rezeption im Haus zur Hohen Lilie verrät. Greta Garbo etwa gebärdete sich bis zum Kragenaufschlag frappierend ähnlich in ihrer weiblichen Anmut plus Unnahbarkeit. In einer herausragenden Schau über den „Naumburger Meister“ werden Uta und andere grandiose Skulpturen aus dem 13. Jahrhundert nun lebendig und mit kostbaren Leihgaben in den europäischen Kontext gestellt.

Die Ausstellung setzt geschickt Akzente. So erfährt man gleich zu Beginn im sogenannten Schlösschen am Markt, dass die Architekten sich um 1230 keineswegs nur als dienstbare Handwerker verstanden, sondern dank umfassender Kenntnisse der Statik, Baumaterialien und Symbolik zu den ersten Künstlern in ihrem Metier avancierten. Ein Wissen, das sich kleine Besucher spielend in der Kinder-Dombauhütte aneignen. Naumburg ist insgesamt eine schmucke Stadt, herausgeputzt sind die Bürgerhäuser vom Dom bis zum Marktplatz. Wenzelsmauer und Lindenring laden zum Spazieren ein. Entspannt lässt es sich an Saale und Unstrut zwischen Weinbergen radeln. Ein Kuriosum ist das „Steinerne Bilderbuch“ im 6 Kilometer entfernten Großjena: In die Terrasse eines Weinbergs wurden 1722 Bibelgeschichten lebensgroß in Stein gehauen.

Text: Martina Jammers
Der Naumburger Meister Naumburg, bis 2.11., tgl. 10-19 Uhr, www.naumburgermeister.eu

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