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Gespräch mit der Kuratorin der Bildungskonferenz „Schools of Tomorrow“ Silvia Fehrmann

„Menschen ­befähigen, ­das Lernen zu lernen“ – Silvia Fehrmann, die Kuratorin der Konferenz Schools of Tomorrow, über die postdigitale ­Kultur von Jugendlichen und ihre Chancen auf Teilhabe

Foto: HKW/ Stephanie Pilick

tip Frau Fehrmann, bei „Schools of Tomorrow“ soll über Schulen von morgen nachgedacht werden. Woran hapert es bei der Zukunftsfähigkeit aktueller Schulen?
Silvia Fehrmann In unseren künstlerischen Forschungsprojekten mit Schulen in Berlin haben wir festgestellt, dass dort der Einsatz von digitalen Techniken noch einer großen Entwicklung bedarf. Dabei ist für Jugendliche der Umgang mit digitalen Medien selbstverständlich. Ihre Kultur ist postdigital, sie werden es mit dem Internet of Things zu tun haben, mit nichtmenschlicher Intelligenz zusammenarbeiten, in „smarten“ Städten leben. Die Frage ist: Wie befähigen wir Schüler zu einem kritischen und kreativen Umgang mit Digitalisierung? Das zweite Defizit: Das Schulsystem hat sich noch nicht auf die Einwanderungsgesellschaft eingestellt. Man tut immer wieder so, als sei Einwanderung und Mehrsprachigkeit eine neue Erscheinung. Familie findet heute nicht nur an einem Ort statt, sondern kann über die ganze Welt verteilt sein. Im Wesentlichen setzt sich Schule, wie auch andere Institutionen, nicht damit auseinander, wie wir Zukunft gestalten können, welche Gesellschaft wir wollen.

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Schulen, an denen viele Schüler eine „nichtdeutsche Herkunftssprache“ haben, gelten als problematisch. Zu Recht?
Silvia Fehrmann Wir müssen begreifen, dass Migration eine Selbstverständlichkeit ist, dass Menschen mit den unterschiedlichsten Herkünften, Erfahrungen und Sprachen in europäischen Städten zusammenkommen. Mehrsprachigkeit ist ein Potenzial. Aus der Sprachforschung weiß man, dass mehrsprachige Menschen mehr neuronale Verbindungen haben, mehr graue Zellen. Deutsch sollte in unseren Schulen also auch als Zweit- oder Drittsprache, die man sich aneignet, begriffen werden. Statt auszugrenzen sollte man überlegen, wie Schüler lernen, ihre Sicht auf die Welt kompetent zum Ausdruck zu bringen. Kunst spielt dabei eine wichtige Rolle, herauszufinden, wie der eigene Blick, die eigene Stimme ist.

tip Wie kann man an Schulen mehr Chancengerechtigkeit schaffen?
Silvia Fehrmann Jeder Schüler sollte erfahren, dass ihm die Zukunft offen steht.  „Capacity to aspire“ nennt das der indische Kulturwissenschaftler Arjun Appadurai, der bei unserer Konferenz eine Keynote halten wird, die Befähigung dazu, eine bessere Zukunft anzustreben. Dazu muss es die notwendigen Strukturen geben: Zugang zu Medien ebenso wie die Grundüberzeugung, dass Zukunft etwas Gestaltbares ist, was wir gemeinsam herstellen. Denn Transformationen sind zunehmend so dynamisch und komplex, dass wir alle, Lehrer, Theoretiker, Experten oder Künstler, die Ungewissheit über die Zukunft teilen. Zugangschancen schafft man auch, indem man Menschen befähigt, das Lernen zu lernen, also mit Nichtwissen umzugehen. Kinder haben grundsätzlich ein unglaubliches Potenzial, erfinderisch die Welt zu erschließen. Auf der Konferenz wollen wir mit Bildungsexperten und Künstlern darüber nachdenken, was dazu gehört, diese Fähigkeiten noch zu stärken.

Auftaktkonferenz „Schools of Tomorrow“
Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, 4. bis 6. Mai, u.a. mit Lecture-Performance der Bachmann-Preisträgerin (2016) Sharon Dodua Otoo, Gespräch mit Schüler*innen von „Jugend hackt“, Vorträgen der Kulturanthropologin Mizuko Ito sowie Gesprächen und Workshops mit Künstlern, Wissenschaftlern, Lehrern u.a.. Eintritt frei, www.hkw.de 

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