Kultur

Schulessen in Berlin

Schulessen in Berlin

In Butter geschwenktes Kaisergemüse an Kartoffelspätzle oder geschmortes Paprikagemüse mit Rote-Linsen-Bulgur – was sich liest wie ein Auszug aus der Mittagskarte eines Lokals im Graefekiez ist tatsächlich eine Auswahl an Gerichten, die der Schul-Caterer des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums im Juli angeboten hat. An vielen Berliner Schulen finden sich seit Kurzem Mahlzeiten, an die man bei dem Wort Schulkantine eigentlich nicht denkt –  die aber trotzdem aus Großküchen kommen. Außer Frage steht dabei aber, dass die meisten Schüler am ersten Schultag weniger Probleme als noch vor einigen Jahren gehabt haben dürften, Mamas Mittagessen gegen die Schulspeisung einzutauschen. Zum einen haben die Caterer muslimische Schüler als Kunden erkannt und verwenden das günstige und deshalb in Mensen beliebte Schweinefleisch nun weniger. Der Verzicht auf die Standardzutat macht kreativ.
Zum anderen bestimmen an Schulen nicht allein Caterer, was auf den Tisch kommt. Die Aufträge für die Verköstigung werden ausgeschrieben. Die Ausschreibungsrichtlinien legt in Berlin die Senatsbildungsverwaltung fest. Lange erhielt schlicht der günstigste Anbieter den Zuschlag. Das führte zu Dumpingpreisen. Neben Klagen über das Essen war der Sodexo-Skandal Auslöser einer Neuausschreibung an allen Grundschulen ab August 2013. An mehreren Schulen, die von der Firma Sodexo beliefert wurden, waren Schüler von verunreinigten Erdbeeren krank geworden. Eine wichtige Neuerung im Ausschreibungsverfahren war die Festlegung eines Einheitspreises von 3,25 Euro pro Portion an Grundschulen. Aus einer Liste der Bil­­dungs­verwaltung geht zwar hervor, dass die alten Caterer meist auch die neuen sind. So beliefern die Marktführer Luna, Sodexo und Sunshine Catering zusammen 183 und damit rund die Hälfte aller Grundschulen. Aber sie können mit dem Festpreis besser kochen. Zudem müssen sie Qualitätsstandards einhalten. Sie legen unter anderem einen Anteil an Bio-Zutaten fest.
Das klingt gut, fragt man die Caterer, bringt es aber Probleme mit sich. Zwar spüren Eltern von Grundschülern die Preiserhöhung kaum, weil auch die Subventionen für das Grundschulessen erhöht wurden. An Oberschulen ist das Essen aber nicht subventioniert. „Weil wir natürlich nicht getrennt für Grund- und Oberschüler kochen, kriegen auch letztere die teureren Bio-Gerichte“, erklärt Hartmut Rechler, Vertriebsdirektor von Sunshine Catering. „Für sie ist die Preissteigerung enorm, weil sie nicht von Subventionen aufgefangen wird.“ In einer Kundenumfrage der Firma kündigte mehr als die Hälfte der Eltern an, bei höheren Preisen das Essen abzubestellen. „Das kann so weit gehen, dass wir einzelne Verträge, nachdem sie ausgelaufen sind, nicht weiterführen können, weil das unwirtschaftlich wäre“, sagt Rechler.
Damit könnte es an den Oberschulen zu Versorgungslücken kommen. Dabei sollte mit der Umstellung der Integrierten Sekundarschulen auf den Ganztagsbetrieb das Mittagessen dort zum Standard werden. Rechler ist dafür, auch das Oberschulessen zu subventionieren. Das wird aber nicht passieren. „Wir können die Grundschulen bezuschussen, weil es ihre pädagogische Aufgabe ist, den Kindern beizubringen, wie man sich bei Tisch verhält und gut ernährt“, erläutert Beate Stoffers, Sprecherin der Bildungsverwaltung. „Diese Begründung fällt an den Oberschulen weg.“ Der Bildungssenat arbeite daran, das Angebot attraktiver zu machen. „Eine Möglichkeit wäre, die Klassen geschlossen zum Mittag zu schicken, sodass alle gemeinsam essen.“Eine andere, nicht für alle, aber für manche Bildungseinrichtungen, denkbare Lösung führt die Charlottenburger Loschmidt-Oberschule vor. An der Berufsschule gab es noch nie ein Catering. Gekocht wird von einer Schüler-Firma. Jeden Tag bereitet eine andere Klasse des Fachbereichs Hauswirtschaft ein Gericht zu. Weil viele Jugendliche mit Lernbehinderung die Schule besuchen, wird dort Wert auf berufsvorbereitende Förderung gelegt. Die Schüler-Firma ist ein Teil davon. Weil die meisten Schüler sich selbst versorgen, schafft sie es, alle anderen zu verköstigen. „Wir kochen rund 30 Portionen“, sagt Lehrerin Gabriele Darkow. Es fallen keine Personalkosten an. So kostet etwa eine Kohlroulade nur 2,80 Euro. Sie ist – wie inzwischen die meisten Schulspeisen – vegetarisch. Denn Schulküchen, so will es der Senat, sollen die Qualitätsstandards für die Schulverpflegung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung einhalten. „Sie sehen vor, dass es maximal acht Mal im Monat Fleisch gibt“, sagt Rechler, der die Standards begrüßt, dieses Detail aber kritisch sieht. „Das mag gesund sein. Aber viele Eltern denken, wir hätten uns das Fleisch sparen wollen – zu höheren Preisen.“ Das führe zu Beschwerden und Abbestellungen. Zahlreiche Eltern setzen ihre Hoffnungen in Qualitätskontrollen auf anderer Ebene: Künftig wird eine neue Fachstelle erstmals neben der Hygiene der Caterer auch die Qualität des Essens prüfen. Die Oberschulen allerdings könnten ein Problem bekommen, das auch viele Restaurants kennen: Gutes Essen allein reicht oft nicht, damit Gäste kommen.

Text: Vivian Yurdakul

Foto: Monkey Business/ Fotolia

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