Kultur

Science Slam im Lido

Science_Slam

Der Walkman unter den Präsentationsmedien: der Overhead-Projektor im Einsatzgebiet Science Slam. Foto: policult / Karo Krämer

Als Felix Gu?nther die Gurke aus seiner Tasche zieht, ist die Welt der Mathematik noch in Ordnung. „720 Grad Gesamtkru?mmung hat diese Gurke“, ruft der 24 Jahre alte Promotionsstudent in Richtung Publikum. „Das ist bei jedem gekru?mmten Objekt der Fall, auch bei einer Birne, einem Fußball oder der Erdkugel. Anders ist es bei einem Donut oder einer Brezel. Und ratet mal, wieso?“ Beherzt sticht Felix einen Spieß mitten durch das Gemu?se. „Die haben alle Lo?cher! Und diese Gurke jetzt auch.“
Lo?cher verringern die Gesamtkru?mmung eines Ko?rpers.

Schwierig genug, das einem nicht mathe­matischen Publikum versta?ndlich zu machen – und genau hier liegt die Herausforderung bei einem Science Slam. Junge Nachwuchswissenschaftler aller mo?glichen Disziplinen pra?sentieren auf der Bühne ihre Forschungen – unterhaltsam, versta?nd­lich und in einer maximalen La?nge von zehn Minuten. Am Ende der Veranstaltung ku?rt das Publikum mit seinem Applaus den Sieger. Felix’ Gurke ist nur eines von zahlreichen Utensilien, die bei solchen Science Slams zum Einsatz kommen.

Beinahe obligatorisch ist die klassische Powerpoint­-Pra?sentation. Manche Vortragende greifen auf den historischen Tageslicht­-Schreiber oder den Diaprojektor zuru?ck. Andere Akademiker bringen Statisten und Requisiten mit auf die Bu?hne, selbst gebastelte Schilder, eine Bestattungsurne, Go?tterspeise oder eine Tanzgruppe.
Ein buntes Potpourri aus akademischer Forschung ist das, was sich beim Science Slam pra?sentiert. Leichte Wissenskost, die aufgrund der Ku?rze der Vortra?ge eher als Appetizer verstanden werden muss. Wer als Zuschauer ein Thema spannend findet, der kann sich nach der Veranstaltung mit dem Vortragenden bei einem Bier ausfu?hrlicher daru?ber unterhalten oder zu Hause im Internet weiterrecherchieren. „Diese Art der Wissensvermittlung wird in einer Zeit der Digitalisierung und der Internet­ Recherche gerne angenommen“, sagt Gregor Bu?ning, Chef der Agentur policult, die sich auf die Organisation von Science Slams und auf nachhaltige Wissensvermittlung spezialisiert hat.

So gesehen ist ein Science Slam a?hnlich, wie in einem Online-­Lexikon herumzusto?bern – nur dass es im realen Leben und mit einem Bier in der Hand stattfindet. „Außerdem geben unsere Veranstaltungen einen U?berblick u?ber verschiedenste Wissensgebiete“, so Bu?ning weiter. „Viele Studenten wissen das zu scha?tzen, vor allem weil die Univer­ sita?t sich mit dem Bachelor­ und Mastersystem ja vom Gedanken eines Studium generale verabschiedet hat.“ Tatsa?chlich kommen Science Slams beim Publikum gut an.

In den letzten Jahren hat sich rund um die wissenschaftlichen Kurzvortra?ge eine regelrechte Szene entwickelt. Allein in Berlin gibt es eine monatliche Großveranstaltung im SO36 und eine weitere im Lido, die beide um die 400 Besucher anziehen. Hinzu kommen einmal pro Quartal ein Slam in Adlershof, einer im Waschhaus Potsdam, einige monothe- matische Slams von Instituten wie dem Deutschen Zentrum fu?r Luft- und Raumfahrt sowie Events kommerzieller Auftraggeber. Und der rbb ließ letzten Sommer in all seinen Fernseh- und Radioprogrammen junge Wissenschaftler slammen und anschließend in einem furiosen Finale im Postbahnhof gegeneinander antreten. Das Publikum zu begeistern, ist vergleichsweise einfach.

Slammer zu finden, fa?llt den Organisatoren hingegen manchmal schwer. Viele Akademiker wu?rden sich aber erst mal nicht trauen, den Weg auf die Bu?hne einzuschlagen, erkla?rt Gregor Bu?ning. „Die denken dann, sie wu?rden sich blamieren oder es nicht hinkriegen, ihr Thema in zehn Minuten ru?berzubringen.“ Dabei, so Bu?ning, werde niemand ins kalte Wasser geworfen. Das Team von policult bietet den Forschern professionelle Coachings an. „Wir schulen in Rhetorik und Bu?hnenpra?senz“, sagt der Science-Slam-Organisator. „Vor allem aber finden wir mit den Vortragenden ein schlu?ssiges Narrativ und einen Spannungsbogen fu?r ihr Thema.“

Text: Michael Metzger

Science Slam Lido, 13.05, 20:30 Uhr (Einlass: 19:30 Uhr)

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