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Malerei

Sean Scully in der Galerie Kewenig

Das Fenster öffnet nach innen: Sean Scully ist einer der international bedeutendsten Vertreter der Abstraktion. Nun zeigt die Berliner Galerie Kewenig seine Arbeiten im Dialog mit Henri Matisse

Sean Scully in seinem Atelier in Barcelona. Foto: Courtesy KEWENIG and Sean Scully

Zur Person Sean Scully, geboren 1945 in Dublin, lebt und arbeitet in Königsdorf, Barcelona, New York und seit 2016 hat er auch ein Atelier in Berlin-Reinickendorf. Scully war als Professor an verschiedenen Hochschulen tätig, u.a. in Princeton und an der Akademie der Bildenden Künste München. Seine Arbeiten sind in vielen wichtigen Sammlungen, erst in diesem Jahr hatte er eine Einzelausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe.

Mangelndes Selbstbewusstsein ist nicht Sean Scullys Problem: Spricht man den 1945 in Dublin geborenen Künstler beispielsweise auf eine mögliche Verwandtschaft zu Mark Rothko an, verwehrt er sich gegen eine zu große Nähe zu dem „nebulösen Mystiker“ und verweist lieber auf niemand geringeren als William Turner. Von daher überrascht es nicht unbedingt, dass seine aktuelle Ausstellung „Window“ in der Galerie Kewenig mit einem hochkarätigen Ehrengast als Dialogpartner aufwartet: Henri Matisse, vertreten mit dem „Interieur in Étretat“ aus dem Jahr 1920. Dieses Zimmer mit Aussicht ist Teil einer signifikanten Gruppe von Werken, die sich durch eine intensive Auseinandersetzung mit dieser Schwelle zwischen Innen und Außen auseinandersetzen, die sowohl den Blick begrenzt als ihn auch eröffnet. Dazu stellt es bei Matisse auch ein Bild im Bild dar – eine Idee, die Sean Scully seit den späten 80er-Jahren fasziniert und die immer wieder in seinem Werk auftaucht.

Entdeckt hat er Matisse, der ihn 1983 zu der großformatigen Hommage „The Bather“ inspirierte, in seiner Zeit als Kunststudent um 1965 – und ist noch heute von dessen Aktualität überzeugt: „Ich liebe die Linie. Seine monumentalen Figurenzeichnungen sind still und zurückgenommen. Sie erscheinen zeitlos. Das ist wichtig in der Kunst, da es uns sowohl mit der Vergangenheit als auch mit einer möglichen Zukunft verbindet.“ Und: „Anders als Picasso, den ich ebenfalls liebe, scheint Matisse unfertig oder unvollständig. Arbeiten wie ,Marokkaner’, ,Die Klavierstunde’ und ,Die Konversation’ zwingen den Betrachter, das Bild letztlich selbst aufzuklären, was ein sehr zeitgenössischer Ansatz ist.“

Doch vor seiner Entdeckung des großen Fauvisten standen andere Entdeckungen: Vincent van Gogh, Paul Gaugin und Paul Klee – und natürlich die Kirchenmalereien, die ihn bereits als Jungen faszinierten. Ihre Schönheit ermöglichte ihm einen ersten Blick in eine Welt, für die er wahrlich nicht vorherbestimmt schien. In ohnehin schwierigen Zeiten wurde er hineingeboren in eine bitterarme Familie, die bisweilen sogar obdachlos war und bei Verwandten um Unterschlupf nachsuchen musste. Auch die Auswanderung nach London verbesserte seine eigene Lage nur marginal: Konfrontiert mit einem konfliktreichen Elternhaus und der Härte der Londoner Ghettos wurde er Mitglied einer irischen Straßenbande.

Courtesy KEWENIG and Sean Scully

Doch sowohl seine Liebe zum Rhythm’n’Blues als auch zu den deutschen Expressionisten der Künstlergruppe „Brücke“ leiteten seine Interessen in andere Richtungen. Noch heute berichtet er bewegend davon, wie er beispielsweise in seiner Lehrlingszeit kurz in der Mittagspause auf dem Motorroller zu den Museen fuhr, weil ihn die Kunst van Goghs dermaßen faszinierte. Sein eigenes Werk begann daher in den späten Sechzigern figurativ und expressiv, wendete sich aber in den Siebzigern dem Minimalismus und der Abstraktion zu.

Berühmt ist Scully jedoch für die zeitgenössischen Arbeiten, die Reduktion und Dynamik ausbalancieren: Sie greifen auf schlichte Formen wie Streifen oder Rechtecke zurück, an deren Rändern durch mehrmaliges Übermalen Zonen der Ambiguität entstehen. Dass sich in diesem Jahr weltweit Menschen auf den Weg in seine zahlreichen Ausstellungen machen, überrascht nicht: Schließlich laden Scullys faszinierende Werke ihre Betrachter zu intensiver Kontemplation ein – und eröffnen durch diese an Zen-Meditation erinnernde Selbsterfahrung ein Fenster nach innen.

Sean Scully – Henri Matisse: Window Galerie Kewenig, Brüderstr. 10, Mitte, Mo–Sa 11–18 Uhr, 8.9.–27.10.,

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