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Malerei

Seth Pick bei Gerhardsen Gerner

Packeis-Pupillen des Kosmos – Öl ist out? Aber nein. Seth Pick ist einer der spannendsten Maler seiner Generation

Seth Pick Topography / Games We Play (2016–2017) Oil on canvas Diptych, each 80 x 60 x 2.5 cm. k; Courtesy Seth Pick and Gerhardsen Gerner, Berlin / Oslo

Sechs Augen starren einen an. Durchmesser jeweils: ein halber Meter; bei einem der Augen sogar fast ein ganzer. „Miosis“ heißt die Serie und meint die Verengung der Pupille. Je nachdem, wie das Licht fällt und wieviel Angst ein Mensch oder ein anderes Tier hat, also je nachdem, wie es um die Umstände außen und die Verfassung im Inneren bestellt ist, öffnet sich die Sicht auf die Welt ja mehr oder weniger. So sehen auch die Öl-Bilder auf den kreisrunden Leinwänden nur auf den ersten Blick sehr ähnlich aus. Auf die Gestaltung der Iriden, in deren Mitte jeweils die Pupillen als optische Blenden liegen, hat der Maler Seth Pick offensichtlich besonderes Augenmerk gelegt. Steht man sehr nah, wirken einige wie Weltraumnebel, andere wie Packeis. Und eine Pupille hat Pick gar der Quadratur des Kreises unterzogen. Pick, Jahrgang 1985, der in London am Goldsmith College und an der Städelschule in Frankfurt Malerei studiert hat, lebt seit einem guten Jahr in Berlin. Man kann nur rätseln, wie er das technisch anstellt: diese unfassbar filigrane Äderung der Iris zu gestalten. Womöglich ist das dunkle Öl mittels Verdünner wieder abgetragen. Jedenfalls findet sich beim Naturphilosophen F.W. Schelling ja dieser Gedanke, dass das Universum gleichsam seine Augen aufschlägt durch den Menschen. Und Pick seziert nicht nur das Auge, bei dem die Wahrnehmung beginnt: Andere Bilder (darunter zwei Diptycha) wecken gewollt das Gefühl. Da stimmt etwas nicht an diesen Händen, diesem Kiefer, diesem Ohr. Ist das überhaupt ein Ohr oder ein Stück Muskelfleisch? Die Selbstvermessung des Menschen ist, wie die ganze Philosophie, ein Sisyphus-Unternehmen. (Das so benannte Bild zeigt den legendären Stein.) Camus meinte ja, wir müssten uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen denken. Vielleicht aber müssen wir das auch nicht.

Seth Pick: Velvet Breath Gerhardsen Gerner, Linienstr. 85, Mitte, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 3.3.

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