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Sex im Internet: Digital herrscht Damenwahl

Catherine_Hakim_c_CharlesShearn2011Der Seitensprung, das Fremdgehen, ein Techtelmechtel oder der One-Night-Stand – im politisch korrekten Schweden spricht man von der Parallelbeziehung, in Frankreich genießt und schweigt man über Petites Aventures. Als Vagabondage oder Libertinage bezeichnen Soziologen die älteste Sache der Welt: Mann mit Frau sucht Frau mit Mann. Der Begriff „Affäre“ beschreibt eine sexuelle und emotionale Beziehung von gewisser Dauer, stellt die britische Soziologin Catherine Hakim fest. „Sie ist kurzlebig, führt nirgendwohin und steht für einen heimlichen Ort, weit weg vom normalen Alltag.“ Das Internet und die neuen Technologien haben die Regeln in der Welt der heimlichen Liebesabenteuer verändert, weil sie die Möglichkeiten der Kontaktaufnahme immens erweitert und erleichtert haben: Dating-Websites erlauben, jemanden weit außerhalb des eigenen sozialen Umfeldes, der Nachbarschaft oder des Arbeitsplatzes zu finden. Eine Affäre lässt so sich viel leichter verbergen. Doch die neuen Möglichkeiten beleben auch alte Tugenden: Gefällige Manieren, geschmeidige Höflichkeit und andere soziale Fähigkeiten seien enorm wichtig, wenn es darum geht, die Höhen und Tiefen dieser ungewöhnlichen Zusammentreffen abzufedern. Der Mangel an guten Manieren ist laut Catherine Hakim der wichtigste Grund für das Scheitern der Männer: Halbherzig bis lächerlich präsentieren sich viele Männer auf Dating-Websites. Botschaften wie „Probier’s mal mit mir!“ oder Standardbehauptungen, wie sie Hunderte von Männern abgeben: „Ihr Profil ist interessant, vielleicht sind Sie interessiert an meinem“ – sie verfangen nicht. Angesichts der großen Zahl von Mitbewerbern, sagt Catherine Hakim, müssten Männer sich schon ein bisschen mehr anstrengen, um die Aufmerksamkeit einer Frau auf sich zu ziehen: gefallen, galant umwerben, kunstreich verführen.

Sehnsucht nach mehr Erfüllung

Dating-Websites, die sich speziell an Verheiratete und andere in festen Beziehungen lebende Menschen wenden, schaffen einen neuen und in den letzten Jahren rasch wachsenden amourösen Spielplatz für Erwachsene, umriss Catherine Hakim ihr Forschungsthema in einem Vortrag vor rund einem Jahr am Wissenschaftszentrum Berlin. Zum Ende ihres Aufenthaltes als Gastwissenschaftlerin stellte sie ihr damals gerade erschienenes Buch „The new rules. Internet, Playfairs and Erotic Power“ vor, in dem sie ihre Forschungsergebnisse zusammenfasst. Die international anerkannte Expertin für Familien- und Sozialpolitik lehrt und forscht an der London School of Economics und von dort stammt auch der Impuls, den riesigen und äußerst profitablen Markt der Dating-Institutionen zu erkunden. „Es kamen immer öfter Studenten zu mir und sprachen Schwierigkeiten in ihrem Sexleben in Beziehungen an, die aus dem Online-Dating hervorgegangen sind.“ Anfangs sei sie verblüfft über das wachsende Interesse am Online-Dating gewesen, trotz der großen Auswahl, die der Heiratsmarkt Universität im richtigen Leben ohnehin schon biete. Mit ihrem Forschungsvorhaben habe sie sich dann später auf den Markt der Seitensprung-Portale konzentriert, in dem sehr versteckt agiert werde. „Es war ungeheuer schwierig, Gesprächspartner zu finden. Niemand redet darüber, niemand gibt zu, eine Affäre zu haben.“ Erst als sie absolute Anonymität zusicherte, vertrauten sich ihr die Befragten an.

Die Macht der Möglichkeit

Vor allem Männer bevölkern den Verabredungsmarkt für Seitensprünge, meist zwischen 45 und 55 Jahren alt und damit zu einem Zeitpunkt im Leben, an dem die Familie gegründet, das Haus gebaut und der Erfolg im Beruf erreicht ist, sich bei vielen aber das Gefühl einstellt, dass die Freude und das Vergnügen über die Jahre zu kurz gekommen sind. „Die meisten tragen in der Woche Anzug und Krawatte und wirken konservativ und unauffällig“, beschreibt Hakim und zitiert aus dem Profil eines Gesprächspartners: „Vielleicht sind wir uns schon begegnet und Sie mögen gedacht haben, ich würde niemals … aber ich würde!“

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Websites für Verheiratete gibt es erst seit rund zehn Jahren und sie sind Teil eines weit umfassenderen Trends. Die Revolution der Sexualnormen und die Verfügbarkeit wirksamer moderner Verhütungsmittel haben schon vor einem halben Jahrhundert große Veränderungen angestoßen. In den westlichen Ländern veränderte die sexuelle Revolution sehr schnell die Haltung zum Sex außerhalb lang andauernder Beziehungen: zunächst in Bezug auf den vorehelichen, inzwischen aber auch beim außerehelichen Sex. Im Internet-Dating wird die kontinentaleuropäische Haltung zum Seitensprung wiederbelebt, wie sie im französischen Stil gelegentlicher Affären und Liebesabenteuer zum Ausdruck kommt: Mit Stil, äußerst diskret gelebt, gelten außereheliche Affären immer öfter als selbstverständlicher Teil eines erfüllten Lebens. Und ähnlich, wie die Pille in den 60er-Jahren vorehelichen Sex junger Leute von Repressionen befreit hat, bewirken die Möglichkeiten des Internets heute, dass immer mehr Schranken für außerehelichen Sex verheirateter Menschen fallen. Wobei sich Hakims Studie auf Menschen in großen Städten wie London konzentriert, wo außereheliche Affären sehr weit verbreitet sind und leichter geheim gehalten werden können. „Die überwiegende Mehrheit der Verheirateten, die Affären haben, ergänzen eine stabile Ehe mit zusätzlicher Aufregung“, hat die Wissenschaftlerin herausgefunden.

Begehren und begehrt werden

Der Aufschwung von Online-Dating-Seiten für Verheiratete hat zu einer folgenschweren Machtverschiebung geführt – zugunsten der Frauen. Verheiratete Frauen sind im Vorteil, wenn sie sich auf eine Affäre einlassen, hat Hakim aus vielen Erfahrungsberichten erkannt. Digital herrscht nämlich Damenwahl: Einer Frau, die sich mit ihrem Profil auf Dating-­Websites präsentiert, stehen zehn Männer gegenüber. Das Geschlechter­verhältnis gewährt Frauen einen Riesen­vorteil: Sie bestimmen, ob und unter welchen Bedingungen die Affäre zustande kommt.
Für Frauen ist der Zugang zu Dating-Websites frei, während Männer in der Regel monatlich zwischen 20 und 50 Euro zahlen. Frauen achteten bei der Auswahl möglicher Affären-Partner vor allem auf physische Attraktivität und erotische Kompetenz. Und nicht auf Status, Prestige oder Besitz, den traditionellen männlichen Rangabzeichen. Das ändert die Spielregeln für Männer, die sich erfolgreich im Internet um Frauen bemühen wollen: Die Regeln einer Affäre unter verheirateten Menschen stehen in direktem Gegensatz zu denen, die für suchende Sin­gles gelten. Bei Letzterem suchen Frauen Männer, die Bindung oder Ehe anbieten und Männer sind im Vorteil. Aber: „Wenn Männer nicht als Heiratskandidaten infrage kommen, ist ihr Geld wertlos“, stellt Catherine Hakim fest. „Ein teures Auto nutzt einem Mann in dieser Nische des Beziehungsmarktes gar nichts, wenn er alt, dick, unhöflich und hässlich ist.“

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Alle Online-Dating-Seiten übertreiben die Zahl ihrer Abonnenten. Sie lassen Dating wie Shopping wirken: Schau mal, was es alles gibt und das kannst du alles haben, erklärt Catherine Hakim. Männern werde suggeriert, es gäbe eine unendlich große Auswahl, weil genauso viele Frauen wie Männer die Seiten besuchten und Männer quasi offene Türen einrennen würden. „Das Gegenteil ist der Fall“, sagt Hakim. Die Fluktuation ist enorm, der Zugang für Frauen ist frei – nichts hindert sie, zehn verschiedene Profile anzulegen. Doch die meisten erreichbaren Frauen seien äußerst wählerisch, wen sie träfen. Warum die Aufteilung zwischen Männern und Frauen auf Dating-Webseiten so unterschiedlich ist? Catherine Hakim verweist auf eine Fülle von Umfragen zu den sexuellen Gewohnheiten von Europäern und Nord­amerikanern: Alle sexualwissenschaftlichen Erhebungen kämen einhellig zu dem Schluss, dass der sexuelle Bedarf der Männer das weibliche Interesse am Sex bei Weitem übertrifft. Bis zum Alter von etwa 30 Jahren haben Männer und Frauen mit ungefähr gleicher Häufigkeit den Wunsch nach Sex. Danach verlieren die Frauen – ohne dass hier jetzt Gründe genannt werden – das Interesse an erotischen Spielen und anderen sexuellen Praktiken, während die Hälfte der Männer das Gefühl hat, es könnte ruhig mehr sein. „Der große männliche Bedarf an attraktiven Frauen verhilft dem erotischen Kapital einer Frau zu ungeheurer Wertsteigerung. Das Ungleichgewicht zwischen männlichem und weiblichem sexuellen Interesse verschafft Frauen in sozialen Beziehungen zu Männern einen bedeutenden Vorteil – so sie ihn erkennen.“

The new rules. Internet, playfairs and erotic power von Catherine Hakim, Gibson Square Books Ltd., United Kingdom 2012

Foto: Charles Shearn 2011

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