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„Sexsucht?? Sehnsucht!“ von Stefan Hochgesand


Kristallklar ist es keineswegs, warum sich Leute Crystal in die Venen jagen. Man könnte sagen: das schnelle Fixen fürs lange Ficken. Immerhin ist man mit gespritztem Meth in nur drei Sekunden auf einem 36-Stunden-Flow: dauergeil und triebgesteuert. Präzise kontrollierter Kontrollverlust – das passt doch in unsere perfektionswahnsinnige Zeit.

In der Berliner Schwulenszene bahnt sich der Trend seit drei, vier Jahren an. Viele sind neugierig auf die privat organisierten Drogen-Sex-Partys. Per Dating-App lassen sich Leute erklicken, die ebenfalls darauf stehen. Sie schwärmen nicht nur vom 48-Stunden-Sex, sondern davon, dass man mit anderen bei der Orgie verschmelze und nebenbei tolle Gespräche führe. Die Sucht ist auch eine Sehnsucht – nicht nur danach, den Leistungssex der Pornowelt zu imitieren, sondern anderen analog so nah wie nur möglich zu sein. Das Gegenteil passiert: Viele wollen nach einer Weile keinen Sex mehr ohne Crystal haben. Dafür immer mehr Drogen ohne Sex, um die Woche halbwegs heil zu überstehen.

Kürzlich sprach ich mit dem Ex-Abhängigen Christian über seinen Crystal-Ausstieg. Er sagte, er hätte sich gewünscht, die Leute um ihn herum hätten ihn drauf angesprochen, dass er zweieinhalb Jahre dauerdrauf war. Sein Beispiel zeigt: Zu oft wandeln wir einsam aneinander vorbei. Diese Stadt braucht nicht mehr Kristalle, sondern mehr Nähe.  Verdammt!

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