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Shared Sounds im Radialsystem

Shared SoundsWie viel Barock steckt in unserem Alltag und wie zukunftsträchtig ist die Musik des 17. Jahrhunderts? Diesen Fragen geht das Mini-Festival Shared Sounds im Radialsystem in seiner dritten Ausgabe nach. Ihr dramatisch geschrumpftes Budget nimmt die künstlerische Leiterin Sophie Schricker für einen programmatischen Neuanfang zum Anlass – weg von der abgehobenen Feinsinnigkeit des Münchner Edel-Labels ECM, hin zu den wahren Fronten von Kunst und Wirklichkeit.
Das Konzept: Barock trifft Elektronik. Kein digital aufgepoppter Klassik-Kitsch. Bjarte Eike’s Barokksolisten stehen mit ihrem Projekt „An Alehouse Session“ für lustvolle Barock-Alltäglichkeit, während der Tischler und Tonskulptor Moritz Wolpert mit seiner Gruppe Berliner Ring zu den Elektronik-Pionieren der Hauptstadt gehört. Klassisch ausgebildete Orchestermusiker aus Norwegen treffen auf wahnwitzige Analog-Futuristen mit DJ-Erfahrung. Konträrer als in diesem absurden musikalischen Time Tunnel geht es nicht.
Nun ist es nicht gerade eine neue Erkenntnis, dass die Klassik von heute der Pop von einst war und aktuelle Populärmusik später einmal das Fundament für eine neue Klassik legen kann. Doch diese abstrakte These macht kaum deutlich, wie sehr unser heutiges Unterhaltungsbedürfnis immer noch auf barockem Fuße steht. Shared SoundsVivaldi, Händel und Couperin waren passionierte Entertainer. Die Unterschiede zwischen Sonnenkönig Ludwig XIV und Michael Jackson sind nur graduell. Beide waren gleichermaßen King, Ikone und tragisches Lebendkunstwerk. Salon und Kammer sind nur andere Begriffe für Lounge. Barockmusik, die heute zur Hochkultur stilisiert wird, war in der Hofkultur oft nur Beiwerk zum gefälligen Zeitvertreib. Sophie Schricker will Verkrustungen aufbrechen. „Bei Bjarte Eike ist Barockmusik offen und nicht dogmatisch. Es geht ihm um eine Art Schlager. Als ich Moritz Wolpert und die Leute vom Berliner Ring mit ihren Klangmaschinen kennenlernte, spürte ich, wie gut diese zwei Extreme zusammenpassen. Mein Wunsch wäre, dass die Barockmusiker am Schluss mit den Elektronikern improvisieren. So würde aus den geteilten Sounds eine gemeinsame Bühne.“
Die sanfte Synthese des vermeintlich Gegensätzlichen wird durch die Empfindlichkeit von Wolperts Klangpark begünstigt. Ein Bühnenumbau wäre ihm nicht zumutbar. Die Barockmusiker müssen praktisch vor den Musik­apparaten spielen, die ihrerseits wie skurrile Skulpturen aus einer imaginären Vergangenheit anmuten. So entsteht schon visuell ein sehr spezielles Ambiente. „Ich bin gespannt, wie sich die Hörerschaft der alten Musik mit der Berliner Elektrofraktion mischt“, freut sich die Kuratorin. „Beide Projekte haben eine recht ähnliche Energie und denselben neugierigen Blick auf Musik. Ich hoffe, dass das dem Besucher eine Möglichkeit gibt, Musik neu zu hören.“
Anders als bei den viertägigen Events der letzten beiden Ausgaben hat das Publikum diesmal keine Möglichkeit, sich die persönlichen Perlen rauszupicken: Alles findet kompakt in einer Nacht statt. Shared Sounds gibt mehr denn je Anlass zum Zuhören, Hinschauen und Entsorgen liebgewordener Vorurteile.

Text: Wolf Kampmann

Shared Sounds, Radialsystem, Sa 17.7., 21 Uhr

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