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Sitzen ist das neue Rauchen

Michael Jeitler

„Sitzen ist das neue Rauchen“, sagt der Schmerzexperte Michael Jeitler vom Berliner Immanuel Krankenhaus, wo mehrere Studien Rückenschmerzen erforschten. Ein 
Gespräch über Stress, Computer, Triggerpunkte – und Blutegel

Dr. med. Michael Jeitler ist seit 2014 Prüf- und Studienarzt in der Abteilung für Naturheilkunde des Immanuel Krankenhaus Berlin. Der ausgebildete Heilpraktiker hat beim dortigen Chefarzt Prof. Dr. Andreas Michalsen zum Thema Meditation bei chronischen Schmerzsyndromen promoviert. Aktuell befindet er sich in der Weiterbildung zum Facharzt.

tip „Deutschland hat Rücken“ – stimmt es, dass Rückenprobleme im Laufe der letzten 10 bis 20 Jahre zugenommen haben?
Michael Jeitler Ja, vor allem in den westlichen Industrienationen. Hier liegt die durchschnittliche Häufigkeit von unteren Rückenschmerzen aktuell bei etwa 30 bis 50 Prozent. Auch Nackenschmerzen sind sehr häufig.

tip Gibt es Hauptursachen dafür?
Michael Jeitler Ein Hauptgrund ist auf jeden Fall Stress – 80 Prozent der Menschen in Deutschland fühlen sich gestresst. Etwa 20 bis 30 Prozent stehen laut einer aktuellen Erhebung sogar unter Dauerstress. Ein Drittel der Patienten haben von chronischen Rücken- oder Nackenschmerzen berichtet. Es gibt auf jeden Fall einen ­Zusammenhang.

tip Immer mehr Arbeit am Computer, zwischenmenschliche Kommunikation ebenfalls ­zunehmend via Smartphone oder PC: Welche Rolle spielt diese „Computerisierung“?
Michael Jeitler Eine sehr große – durch das viele Sitzen vor dem Computer entstehen sehr leicht Haltungsschäden. Sitzen ist sozusagen das neue Rauchen. Das Problem ist vor allem, dass ­viele zu wenige Pausen machen. Sie wollen noch schnell diese und jene Aufgabe erledigen. Dabei vergessen sie die Bedürfnisse des Körpers, aber auch die Bedürfnisse der Seele. Man braucht ja auch Pausen, um überhaupt arbeitsfähig zu sein und effektiv arbeiten zu können. Oft steht aber meistens nur die Arbeit im Vordergrund – man vergisst sich selber. ­Erschöpfungsgefühle werden beiseite geschoben. Sie können dann aufgestaut zum Beispiel als verspannter Nacken wiederkommen.

tip  Was empfehlen Sie Patienten, die mit ­Rückenschmerzen zu Ihnen kommen?
Michael Jeitler Zunächst müssen spezifische Ursachen wie zum Beispiel Bandscheibenvorfälle geklärt werden, eventuell ist eine weiterführende Abklärung beim Orthopäden notwendig. In den meisten Fällen ist eine Kombination aus Bewegungstherapie und Entspannungsverfahren am Sinnvollsten. Durch Entspannungsverfahren soll der Patient wieder lernen, runterzufahren und sich selber wahrzunehmen – hier haben sich besonders achtsamkeitsbasierte Verfahren bewährt. Das Wichtigste ist, sich trotz der Schmerzen zu bewegen. Yoga war in Studien sowohl bei Nacken- als auch bei unteren Rückenschmerzen sehr wirksam. Bei akuten Schmerzen kann man zur kurzfristigen Linderung natürlich auch Schmerzmittel nehmen – auch naturheilkundliche Schmerzmittel und Anwendungen wie Akupunktur, Kneippsche Güsse oder Thermotherapien (mit Kälte oder Wärme) stehen zur Verfügung.

tip Welche anderen Therapieformen haben Sie am Immanuel-Krankenhaus erforscht?
Michael Jeitler Wir haben kürzlich eine Studie zur Blutegeltherapie bei Rückenschmerzen abgeschlossen. Gerade bei starken Schmerzen bewirken Blutegel, die sich an den entsprechenden Körperstellen festsaugen, oft eine schnelle Schmerzlinderung. Diese hält meistens auch mehrere Monate an. Aktuell führen wir eine Studie zur „reflektorischen Atemtherapie“ bei unteren Rückenschmerzen durch. Hier suchen wir auch noch Probanden. Dabei geht es darum, gezielt in die sogenannten Triggerpunkte – also die schmerzhaften Punkte in der Muskulatur – hinein zu atmen.

tip Wie geeignet sind Rückenschulen, die ­gezieltes Krafttraining für den Rücken ­anbieten, um Rückenschmerzen aktiv zu bekämpfen?
Michael Jeitler Unter physiotherapeutischer Anleitung wäre Krafttraining eigentlich ideal, um den Rücken gezielt zu stärken. Gerade wenn man Spaß daran hat, ins Fitnessstudio zu gehen, und es einem dann so leichter fällt, dran zu bleiben. Jeder Patient sollte sich die Bewegungsart aussuchen, die ihm am liebsten ist. Bei extremem Krafttraining besteht aber die Gefahr, die Gelenke und die Sehnen zu überlasten.

tip Welche Rolle spielt es, dass ein Patient daran glaubt, dass die Methode bei ihm wirken wird?
Michael Jeitler Das spielt auf jeden Fall eine Rolle. Je mehr der Patient an die Methode glaubt, desto ­besser kann sie wirken. Auch deshalb sollte immer gemeinsam mit dem Patienten überlegt ­werden: Welche Erfahrungen hat er mit ­bestimmten Bewegungsarten schon gemacht? Was liegt ihm? Bei welcher Methode kann er sich vorstellen, dass sie bei ihm wirkt?

tip Wann sollte man denn eigentlich anfangen, Rückenproblemen vorzubeugen? Und wie macht man das dann am Besten?
Michael Jeitler Am Besten, man fängt so früh wie möglich an. Das geht durch regelmäßige Bewegung – zum Beispiel alle zwei Tage für eine halbe Stunde, gesunde Ernährung und regelmäßige Entspannungsphasen. Ich glaube, wenn man das macht, wäre schon viel gewonnen. Es wäre auch gut, den Arbeitsalltag aktiver zu gestalten, auch mal vor die Tür zu gehen und sich in Pausen nicht gleich wieder in die Kaffeeküche zu setzen. Höhenverstellbare Tische, an denen man auch im Stehen arbeiten kann, ­befürworte ich sehr. Wir machen unsere Besprechungen zum Beispiel auch regelmäßig im Stehen. Aber selbst, wenn man im Arbeitsleben den ganzen Tag steht, handelt es sich meistens nur um eine sehr einseitige Belastung. Da wären gezielte Ausgleichsübungen wichtig, die speziell zu dem Beruf passen.

Interview: Juliane Fiegler

Foto: Jens Ihnken

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