• Kultur
  • Slammen für die Wissenschaft

Kultur

Slammen für die Wissenschaft

Science_SlamMan muss nicht alles verstehen, was Elmar Diederichs da auf dem Podium erzählt. Die mehrdimensionale Faltung von Molekülen ist ja auch ein komplexes Thema. „Metastabile Faltungszustände dominieren bei den pharmakoligischen Eigenschaften eines Moleküls“, stellt der 36-jährige Mathematiker nüchtern fest. Klick. Sein Laptop wirft das Schaubild eines Sternes an die Wand. Der mehrdimensional gefaltete Quader sieht aus wie ein Seeigel. Und da ist die Zeit auch schon abgelaufen, der Moderator drängt Elmar Diederichs zur Eile. „Nur noch eine Folie!“, ruft dieser.
Ratlose Gesichter im Publikum. Dann ein Glucksen, Lachen, Johlen. Donnernder Applaus. Sechs Wissenschaftler stellen an diesem Montagabend beim Science Slam im Cafи Edelweiß in Kreuzberg ihre aktuellen Forschungsergebnisse vor. Jeder hat zehn Minuten Zeit, seine Zuhörer zu überzeugen und mitzureißen. Und gut verständlich sollte das ganze natürlich auch noch sein. Bei Elmar Diederichs kommt das zwar etwas kurz, dafür hat er umso mehr Show zu bieten. Der Nerd-Faktor zieht: Selten haben die Leute im Publikum einen Wissenschaftler gesehen, der ein so trockenes Thema mit einer solchen Leidenschaft und Überzeugung vorträgt.
Der Science Slam soll junge Wissenschaftler aus ihren staubigen Kellerwohnungen herausholen„, erklärt Gregor Büning, der Veranstalter. Den ersten Slam dieser Art gab es bereits 2008 in Braunschweig. Seit Anfang des Jahres batteln sich jetzt auch Berliner Wissenschaftler unterschiedlichster Fachrichtungen auf der Bühne, jeden dritten Montag im Monat im Cafй Edelweiß am Görlitzer Park. Schon die Auftaktveranstaltung war gnadenlos überlaufen, ebenso wie der zweite Slam im März. Im Kreuzberger „Lido“ hat sich mittlerweile ein weiterer Science Slam etabliert.
Die Idee ist nicht ganz neu. Das Konzept stammt aus der Dichter- und Lyriker-Szene. Nahezu jeden Abend findet irgendwo in Berlin ein Poetry Slam statt, bei dem junge Literaten ihre Kurzgeschichten und Verse vortragen. Gute Texte werden mit Standing Ovations belohnt, langweilige Darbietungen werden ausgebuht. Gleiches gilt für die Wissenschaftler beim Science Slam. „Die Akademiker werden gezwungen, sich auf ihre Zuhörer einzulassen„, erklärt Gregor Büning. „Der Science Slam ist eine Art Unterhaltungsshow, bei der komplexe Forschungsinhalte einem fachfremden Publikum vermittelt werden.“
Neben der Faltung von Molekülen stehen beim zweiten Berliner Slam Themen wie „Weißsein und indigene Kultur in Disneys‘ Pocahontas“, „Ein Plädoyer gegen Verspätungsminimierung in der Flugplanung“ oder „Die Veränderungen der Arbeitsidentität im Prozess der Globalisierung“ auf dem Programm. Viele der Referenten greifen auf eine PowerPoint-Präsentation zurück, manche bleiben seriös, andere werden witzig. Wenn Lucian Ionescu die möglichen Gründe für Flugzeugverspätungen nennt, projiziert der 24-jährige Doktorand ulkige Bilder an die Wand: Eine Oma mit Gehhilfe steht für von Passagieren verursachte Probleme, drei Teletubbie-Gesichter symbolisieren einen terroristischen Angriff. Die über 100 Gäste im Cafй Edelweiß sind aus dem Häuschen.  
Woher das plötzliche Faible junger Berliner für die Wissenschaft rührt, kann Gregor Büning  nur vermuten: „Im Kern sind doch alle Forschungsthemen spannend„, meint er, „sonst würde sich ja niemand jahrelang damit auseinandersetzen.“ Leider versucht aber kaum ein Wissenschaftler ein breites Publikum von seinem Thema zu überzeugen. Statt dessen verbarrikadieren sie sich hinter Fußnoten und Fachbegriffen. Dabei ist es gar nicht so schwierig, die Leute auch für auf den ersten Blick langweilige wissenschaftliche Themen zu begeistern. Philosophie-Besteller wie etwa „Sophies Welt“ beweisen es.
Christine Werthmann kann das nur bestätigen. Beim Berliner Science Slam referiert die 31-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin über einige Experimente zum menschlichen Kooperationsverhalten, die sie in Kambodscha und Vietnam durchgeführt hat. Es geht auch um die Spieltheorie. Vor allem aber geht es um ein Alltagsphänomen: Christine Werthmann erklärt in ihrem Vortrag, warum öffentliche Toiletten immer so schmutzig sind, und was man dagegen tun kann. Dieses Beispiel kann jeder nachvollziehen, deshalb hängt das Publikum ihr an den Lippen. „Viele Wissenschaftler bleiben gern unter sich“, sagt sie nach dem Vortrag. „Das ist total schade. Wenn ich bei meinen Forschungen zu einem Ergebnis gekommen bin, dann will ich das doch mit möglichst vielen Menschen teilen!

Science Slam im Cafй Edelweiß, Görlitzer Straße 1-3, Kreuzberg. Jeden dritten Montag im Monat. Nächster Termin: 3.5., 20 Uhr. Infos: www.scienceslam-?berlin.de. Es werden noch Referenten gesucht. ?Bewerbungen an [email protected]

Mehr über Cookies erfahren