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„Sommer des Lebens“ von J. M. Coetzee

CoetzeeDas ist schon verwegen, was der südafrikanische Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee, der soeben erst quicklebendig seinen 70. Geburtstag feierte, in seinem neuen Roman macht. Er lässt sich in Australien, seiner jetzigen Wahlheimat, sterben und stellt dann Nachforschungen über sich selbst an. In Gestalt eines anderen. Dieser andere ist der Wissenschaftler Mr. Vincent.
Vincent hat Coetzee nie kennengelernt, jetzt reist er über den halben Erdball und interviewt Personen, die Coetzee nahestanden, um, wie es am Ende des Buches heißt, „die Geschichte eines Lebensabschnitts von ihm“ zu erzählen.
Dieser Lebensabschnitt setzt 1971/72 ein, als Coetzee, nach Dozentenjahren in den USA, nach Südafrika zurückkehrt, zu seinem Vater zieht, in ein morsches altes Haus unterhalb des Tafelberges, und erste zaghafte Schritte unternimmt, um sich als Schriftsteller zu etablieren. Es ist die Zeit der Apartheid. Jacob Johannes Fouchй regiert das Land, die National Party unterdrückt die farbigen Bevölkerungsgruppen, und Nelson Mandela wird noch 20 Jahre im Gefängnis schmoren.
Das Politische aber drängt sich in „Sommer des Lebens“, Coetzees Abschlussband seiner autobiografischen Trilogie, selten auf. Es spricht eher durch die Verhaltenheit der dargestellten Charaktere. Coetzee lebt das Leben eines arbeitslosen Intellektuellen, von dem wenig Anziehungskraft ausgeht. Schon gar keine sexuelle. „Er hatte auch etwas Schäbiges an sich, eine Aura des Scheiterns“, sagt Julia, die über ihre „erotische Verstrickung“ mit Coetzee berichtet. Es folgen die Stimmen von vier weiteren Personen, da­runter Margot, Coetzees Cousine, und Kollegen der Universität Kapstadt, wo Coetzee später Arbeit findet.
Was ist das Thema des Buches? Die Erregungszustände und Bigotterien der weißen Schicht? Der Alltag außerhalb der Townships? Schilderungen des Überdrusses? Der Fall Südafrikas? Der Sinn des Bücherschreibens in einer unmögli­chen Zeit? Der Versuch, mit den Mitteln der Selbstironie die eigene Lebensgeschichte zu konstruieren? Alles und vor allem Letzteres.
Ein so unradikales wie unerhörtes Buch, dargebracht von einem großen „Erzähler von erfundenen Geschichten“.

Text: Andreas Burkhardt

Foto: Okapia

tip-Bewertung
: Herausragend


J. M. Coetzee „Sommer des Lebens“, übersetzt on Reinhild Böhnke, S. Fischer,
297 Seiten, 19,95 Ђ

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