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Kommentar

„Spandex“ von Erik Heier

Erik Heier

Es ist der 28. Juni 2020, ein unwirklich schöner Sommertag, als der nach Umfragen der letzten Wochen von niemandem für möglich gehaltene „Spandex“ Gewissheit wird: der Spandau-Exit. 52,3 Prozent der Spandauer votieren in der Volksabstimmung für die Eigenständigkeit ihres Bezirks von Berlin. Der Wortführer der Separatisten, ein Frührentner mit verbaler Dauerverhal­tens­auffälligkeit, bellt auf dem Platz  vor dem C&A-Kaufhaus in der Altstadt in ein Megafon: „Wir haben den unfähigen, korrupten und übrigens schlecht aus dem Mund riechenden Senatspolitikern der rot-grünen Versagerkoalition gezeigt: Spandau bleibt Spandau. Berlin kann bleiben, wo kein Flughafen wächst. 100 Jahre in diesem Stadt gewordenen Sauhaufen sind für uns genug!“ Im rbb ringen Michael Müller und Ramona Pop um Fassung. Oppositionsführer Frank Henkel ist gerade verreist, lässt aber den CDU-Fraktionschef Florian Graf ein Statement verlesen, in dem er die Entscheidung der Spandauer bedauere, aber dem Duo Müller/Pop anlaste. Okay, kleiner Scherz. Ein „Spandex“ wäre natürlich kompletter Unfug. Ungefähr so irrsinnig, als hätte jemand vor vier Jahren behauptet, ein paar Populisten würden Großbritannien aus der EU treiben. Nun aber ist der Brexit ein weiterer Beleg für die Krise der westlichen Demokratie, für die Verachtung ihrer Institutionen. Wie es auch in Berlin grassiert. Jetzt ist Wahlkampf. Wir schütteln den Kopf über den perfiden Populismus eines Nigel Farage in England oder eines Donald Trump in den USA. Wir glauben, dagegen gefeit zu sein. Besser aber, wir wären uns da nicht zu sicher. Man kann nämlich gar nicht so doof denken, wie manche Leute sind.

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