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„Squatting“ und „autoR“ in der Temporären Kunsthalle

SquattingWarum benutzen Kolleginnen und Kollegen nur so gern einen Begriff für Kunstausstellungen, der doch eigentlich die Hindernisstrecke zur körperlichen Ertüchtigung von Pferden, Hunden, Kaninchen, Polizisten, Feuerwehrleuten oder auch Soldaten beschreibt. Ein Kunstwerk als Hindernis auf den Pfaden der Kultursuchenden? Nun endlich wird dem Ausdruck „Parcours“ in der Temporären Kunsthalle Genüge getan. Mit „Squatting. Erinnern, vergessen, besetzen“ ziehen die Kuratoren Tilo Schulz und Jörg van den Berg ein dreigeteiltes Netzwerk von künstlerischen Arbeiten durch den White Cube am Schlossplatz, die am zügigen Durchqueren des Raumes hindern. Hier wurde eine Unordnung in das leere Weiße gebracht, die Denkanstöße zum Stand und Wechsel der Dinge provozieren will.
Simon Wachsmuths „Barrikade„, zwei verbeulte Bauzäune, stehen uns beim Eintreten durch die blaue Tür im Weg. Weiß und schwarz angemalt, erfüllen sie ihre ursprüngliche Funktion, ein provisorisches, nicht betretbares Terrain festzulegen, hier jedoch nicht mehr. Man kann ungestraft um sie herumlaufen und sie als Objekte der Anschauung betrachten. In der Dunkelkammer nebenan zeigt Annika Erikson das Video „Maximum Happiness„. Sie filmte den auf einem Hügel gelegenen und nachts von Scheinwerfern bestrahlten Wohnkomplex „Park Hill Housing Estate“ in Sheffield, der als sozialer Wohnungsbau Ende der 50er- Jahre mit vielen idealistischen Vorstellungen errichtet wurde.  Mammutgebäude als soziale Utopie mit dem dazugehörigen Scheitern sind ein dankbares Objekt für das Nachdenken über Zukünftiges und Vergangenes. Die einfach nur abgefilmte Wohnmaschine kommt allerdings ohne Erklärung nicht aus.
Ein paar Schritte weiter versperrt uns Manfred Pernice mit seiner Installation „Haldensleben“ den Weg, gewidmet der gleichnamigen Stadt in der Nähe von Magdeburg, zu DDR-Zeiten bekannt für ihre Keramikwerkstätten. Wie in einem kleinen kitschigen Souvenirladen gruppiert er Vasen, Becher, Schalen, Konserven, Limoflaschen und Zwerg in eine Vitrine. An der Wand Fotografien und eine Plastiktüte mit der Aufschrift „Bei uns kommt etwas in die Tüte“. Gute alte Zeiten werden hier wohl eher nicht heraufbeschworen.
Das Ledersofa mit Couchtisch, Stühlen, Haldenslebener Keramikvasen und drei Büchern eine Etage höher vervollständigt das skurrile Ensemble, mit dem Pernice uns humorvoll verwirrt und gewisse Erwartungshaltungen überdenken lässt. Doch vor allem ist es von hier oben möglich, einen Überblick über die gesamte Ausstellung zu gewinnen. Hinter dem roten Eingang stoßen wir auf eine Mauer. Franka Hörnschemeyers offener und dachloser Rigipsraum „Same Dice“ spielt mit einem weit verbreiteten Billigbaumaterial, das den Flair einer Ex-und-Hopp-Gesellschaft in den Raum trägt. Daneben die zweite Installation Wachsmuths, die ein Szenario wie das Arbeitszimmer eines Wissenschaftlers aus dem 19. Jahrhundert heraufbeschwört. Historische Versatzstücke, die von einer Sehnsucht sprechen, die Dinge so sehen zu können, wie man sie früher einmal sah. Michael Schmidt zeigt die Stadt in seiner Fotoserie von Berlin als steingewordene Katastrophe. Menschenleere Brachflächen, aufgenommen in düsterem Schwarz-weiß, trostlose Leere, die Veränderung geradezu herbeisehnt. „The Royal Mummies“ von Antje Majewski, in Öl auf Aluminiumtafeln gemalte ägyptische Mumien, zeigen nicht nur die Endlichkeit und den Tod, sondern auch die gescheiterten Versuche, diese zu besiegen. ?Mit ihren Abbildungen tritt ?die Künstlerin dem Verfall der von ihr abgebildeten Objekte und deren fotografischen Reproduktionen entgegen.
Die Arbeiten der siebzehn beteiligten Künstlerinnen und Künstler korrespondieren teilweise miteinander und suchen das Zwiegespräch mit den Betrachtern, mit deren persönlicher Erinnerungsfähigkeit oder dem Bedürfnis zu Vergessen. Um die ganze Ausstellung sehen zu können, muss man die Kunsthalle durch drei verschiedene Eingänge betreten und wieder verlassen, sodass sich der Eindruck des Außenraums immer wieder mit dem der im Innern präsentierten Arbeiten vermengt. Die äußerst spannende, sich ständig verändernde Umgebung der Kunsthalle bildet allerdings eine ernste Konkurrenz zum Innenraum. Zeitgleich mit „squatting“ startet Carsten Nicolais Außenprojekt „autoR 2010“, das dritte an der Fassade der Temporären.

Text: Constanze Suhr

Foto: Werner J. Hannappel, Temporäre Kunsthalle

squatting. ?erinnern, vergessen, besetzen ?22 Arbeiten von 17 Künstlerinnen und Künstlern, bis 24.5., „autoR„, ?bis August; Temporäre Kunsthalle, Schlossplatz, Mitte, ?Di–So 11–18 Uhr, Mo bis 20 Uhr

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