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Station Sehnsucht: Unterkunft für queere Flüchtlinge

Station Sehnsucht: Unterkunft für queere Flüchtlinge
Station Sehnsucht: Unterkunft für queere Flüchtlinge Foto: F. Anthea Schaap

Ich will mich nie wieder verlieben müssen“, sagt ein ­Junge, Anfang 20, auf Farsi. Das Ende seiner letzten ­Liebe, das ging nämlich so: „Bruder und Vater meines festen Freundes stürmten auf mich los, am nächsten Tag bin ich im Krankenhaus wieder aufgewacht.“ Der Junge zeigt die geklammerte Messernarbe, die sich quer über den Rücken rankt. Die Familie hatte das nicht ausgehalten, dass ihr Sohn einen Freund liebt. Die Täter zeigten ihn obendrein an wegen Schwulseins, worauf im Iran die Todesstrafe steht. Der Junge floh noch aus dem Krankenhaus heraus. Heute lebt er als einer von 40 queeren Menschen zwischen 18 und 52 in einer speziellen Flüchtlingsunterkunft in Treptow. Ein Schutzraum. Die Adresse hütet man wie ein Staatsgeheimnis. Ein Ort ohne Namen auf den Klingelschildern. Tag und Nacht patrouillieren vier Securities. „Wie in einem Detektivfilm“, sagt einer der Männer mit Headset. Und es sei schwierig, gesteht der Sicherheit-Chef, Leute zu finden, die den Job hier überhaupt machen wollen.

Allein von August 2015 bis heute haben sich 120 homo­sexuelle und transgeschlechtliche Flüchtlinge wegen Gewalt an den Lesben-und Schwulenverband gewendet, wie der tip exklusiv erfährt. Dabei ist der LSVD mit seinem MILES-Projekt (Zentrum für Migranten, Lesben und Schwulen) nur einer von mehreren engagierten Anlaufstellen. Auch die Leute vom schwulen Anti-Gewalt-Projekt MANEO sprechen von steigender Nachfrage vonseiten Refugees seit 2014. Es kommen so viel Hinweise auf Gewalt gegen queere Geflüchtete, dass MANEO nicht mal allen Fällen nachgehen, geschweige denn sie statistisch dokumentieren könnte. Die meisten Gewalttaten ereigneten sich laut LSVD aber in Flüchtlingsunterkünften, auch in Tempelhof. Der Großteil wurde bisher bei der Polizei nicht angezeigt.

„Die Traumatisierungsquote unserer Leute ist extrem hoch“, sagt Christoph Mann. Er ist Heimleiter der queeren Unterkunft in Treptow, die von der Schwulenberatung betrieben wird, mit Unterstützung des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso). Und er ist zudem Psychotherapeut. „Selbst diejenigen, die aus Kriegsgebieten kommen, nennen oft ihre sexuelle Identität als ersten Fluchtgrund. Und auch in Deutschland erleben sie Diskriminierung“, sagt Mann, „wenn nicht gar Gewalt bis zur Bewusstlosigkeit.“ Einer der Bewohner traf jüngst in einem Flüchtlingsheim auf eben jene Leute, die ihn schon in seinem Herkunftsland durchgeprügelt hatten. „Ich frage nicht nach den Geschichten“, sagt Mann. „Aber sie kommen von selbst.“ Die Leute hier stammen seltener aus Syrien und häufiger aus Russland als der Schnitt der Flüchtlinge in Berlin. Auch aus der Türkei. Die meisten haben harte Gewalt in der Familie erlebt.

Ein Junge im Gemeinschaftsraum schäkert mit den anderen. Er trägt Ohrringe und blondierte Haare. In Damaskus könnte er so nicht unversehrt über den Marktplatz laufen. „Es ist, finde ich, ein Menschenrecht“, sagt Christoph Mann, „offen queer zu leben. Ich möchte von niemandem in Deutschland verlangen, sich im Schrank zu verstecken.“ Man betreibe hier keinen Knast. „Sie sollen, wenn sie wollen, auch wunderbar trans-aufgebretzelt auf dem Balkon sitzen dürfen.“ Das ist ein Teil der Wahrheit. Der andere: Einer der Bewohnerinnen wird von Cousins gedroht, sie umzubringen. Die Polizei hat schon Schritte zum Schutz ergriffen. Die direkte Nachbarschaft ist eingeweiht, dass das kein normales Wohnhaus ist. „Wir brauchen die ja auch“, sagt Mann, „spätestens falls hier ein Brandsatz fliegen sollte.“ Der Kiez ist sehr durchmischt, gilt eher als links. 150 Freiwillige engagieren sich für das Heim. „Und die Nazis sind irritiert“, sagt Mann, „weil unsere Leute ja auch Opfer einer falschverstandenen Religiosität sind. Da bekommen die ein Problem in ihrer eigenen Logik.“

Drei bis vier Neue ziehen zurzeit täglich ein, es ist Platz für 120. Drei bis sechs pro Zimmer. Das Lageso gibt vor, dass nach Geschlechtern getrennt wird. Manchmal wird’s kompliziert: Ein Trans-Mann ist mit einem schwulen Mann zusammen. Eine Trans-Frau will mit ihrem Hetero-Mann einziehen. Ist der überhaupt queer genug?

Ein normaler Tag im Haus: Frühstück, Sprachkurs, Abendessen, eventuell Sport beim queeren Sportclub „Vorspiel“. Am Wochenende trauen sich einige auch in die Berliner Szene. Demnächst steigt eine Soli-Party für das Heim und für das MILES-Projekt im SchwuZ. Eine Trans-Frau nimmt, wenn sie um die Häuser zieht, gefühlt das halbe Heim mit. „Wenn wir zu zehnt sind“, sagt sie, „werden die uns schon nicht angreifen.“
Das hohe Sicherheitsdenken in Treptow ist nicht jeder Frau Sache. „Das wäre nicht das Richtige für mich, dort zu wohnen“, sagt Rubi, eine Trans-Frau aus dem Libanon. „Ich hätte das Gefühl, mich dort zu verstecken. Dafür bin ich nicht nach Berlin geflohen.“ Manchmal unterbricht Rubi ihr Lächeln, um tief durchzuatmen. Im Libanon war sie ein halbes Jahr lang im Gefängnis, weil sie trans ist. So steht es sogar im Entlassungsbescheid. Ihr fester Freund wollte gemeinsam das Land verlassen, sie traute sich nicht, folgte ihm dann aber. Drei Monate lang ­konnte sie in Berlin bei einer Freiwilligen wohnen. Die nahe ­Zukunft ist noch ungewiss.

An Silvester wurde sie, in Gesellschaft mit anderen Trans-Frauen, in einer Neuköllner U-Bahn-Station bepöbelt und mit einer Fake-Pistole bedroht. Sie dachten, das Ding wäre echt, suchten an einem Späti-Eingang Schutz. Der Besitzer wollte zuerst helfen, bis er von den Pistolen-Jungs erfuhr, dass die Frauen Trans-Frauen sind. Dann schlug auch er zu. Trotzdem sagt Rubi heute: „In Berlin fühle ich mich glücklich. Ich kümmere mich nicht so sehr darum, ob ich in völliger Sicherheit bin. Ich weiß zumindest endlich, wer ich bin. Und ich vertraue auf Allah.“
In Beirut gibt es nur eine kleine Tanzbar für Transmenschen. Dark Box heißt sie. „Schon der Name ist bizarr“, findet Rubi. Dunkeldüster. Ein Raum des Versteckens. „Ich bin eine Frau“ sagt sie. „Und ich möchte eine erfolgreiche Frau sein.“ Auf Facebook betreibt sie eine Seite für arabische Flüchtlinge. Tipps für den Alltag. Die über tausend Follower wissen nicht, dass Rubi trans ist. „Ich möchte ihnen zeigen, dass ich ein guter Mensch bin und helfen will.“ Irgendwann möchte sie verraten, wer sie wirklich ist. „Dann werde ich sagen: Ja, ich bin eine von diesen Frauen, die einige von euch verachten und verletzen.“ Einen großen Teil der Anfeindungen in Berlin habe sie von Arabern ­erlebt. Wenn sie dumm angemacht wird, setzt sie die Kopfhörer auf und dreht die Musik laut.

Ein Anderer träumt noch von solchem Mut: „Wenn man sein ganzes Leben lang gelernt hat, Tee mit Zucker zu trinken“, sagt Aboud, „wird man es weiter so machen. Ich wurde dazu erzogen, ein Mädchen zu heiraten.“ Im November 2014 kam er aus Syrien mit einem Boot von der Türkei nach Italien. 20 Meter lang, 300 Menschen an Bord. Zehn Tage auf winterstürmischer See. In seiner Berliner Flüchtlingsunterkunft gab es einen Sprachlehrer, von dem andere Syrer sagten: „Der ist doch schwul!“ Das arabische Wort „shaz“ meint im Wortsinn: abnormal. Aber alle wissen, was gemeint ist. Als Aboud 18 war, hörte er zum ersten Mal davon, sah Filme auf DVDs mit schwulen Charakteren. Er wollte nicht, dass seine Freunde etwas merkten, wenn er für sie schwärmte. Auch heute noch sagt er manchmal vor Kumpels: „Mit der Frau würde ich gern ins Bett!“ Dabei kenne er viele syrische Jungs, die wohl schwul sind. „Aber wir könnten nie darüber reden.“

Drei Beziehungen mit Frauen hatte Aboud selbst. „Das war ein innerer Krieg gegen mich selbst.“ Einmal stand auch er kurz vor der Hochzeit. „Ich bin bis heute nicht sicher, ob ich schwul bin. Oder: Ich möchte nicht sicher sein.“ Seit er mit 25 nach Deutschland kam, datet er zumindest keine Frauen mehr. Schließlich ging er mit seinem schwulen Sprachlehrer in die Disco, wollte das mal erleben. Er sah einen Typen, der ihm sehr gut gefiel, und fragte, ob er einen Drink mit ihm haben wolle. Und bekam eine Abfuhr. „Ich weiß, dass es ein Zufall war, aber es kam mir vor wie ein Zeichen, dass ich es nicht wieder versuchen sollte.“ Er trinke ja auch keinen Alkohol und tanze nicht sonderlich gut. „Aber vielleicht“, sagt er, „probiere ich noch einmal.“ Seine Mutter sagte kürzlich wieder: „Aboud, ich wünschte, du hättest Kinder.“ Eines Tages will er ihnen sagen, warum nicht. Andererseits: „Man könnte sich an meinem Bruder rächen, der noch in Syrien lebt.“

„Selbst wenn die Kriege enden“, sagt Christoph Mann von der Unterkunft in Treptow, „gibt es für die meisten unserer Leute kaum eine Rückkehrperspektive. So schnell wird sich die Gesellschaft nicht verändern.“ Manchmal passiert das aber, dass Leute erfahren, der Mutter in der Türkei geht es schlecht. Und dann setzen sie alle Hebel in Bewegung, nach Hause zu gelangen, zur Familie, von der sie so sehr verletzt wurden. Das Heim in Treptow, es ist keine Endstation, wohl aber eine Station der Sehnsucht. Danach, lieben zu dürfen.

Refugees Welcome Party SchwuZ Rollbergstr. 26, Neukölln, ?So 15.5., 23 Uhr, gratis, Spenden erbeten

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