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Stefan Herheim über Jacques Offenbachs Gesellschaftssatire „Blaubart“

„Man muss höllisch aufpassen“ – Opernregisseur Stefan Herheim über Jacques Offenbachs Gesellschaftssatire „Blaubart“ an der Komischen Oper

Blaubart, Promo, Foto: Jan Windusz

tip Herr Herheim, Offenbachs „Blaubart“ war der wohl berühmteste Erfolg des Gründungsregisseurs der Komischen Oper, Walter Felsenstein. Erhöht das den Druck auf Sie?
Stefan Herheim Für mich spielt die Rezeptionsgeschichte eines Werkes immer eine Rolle. Felsensteins Inszenierung von 1963, in der er König Bobèche als ewigen Diktator karikiert, wurde selbst nach der Wende weitergespielt. Als Offenbach 1866 „Blaubart“ in Paris herausbrachte, war er sich indes der Unterstützung durch Kaiser Napoleon III. sicher. Er übte also nicht Kritik von unten. Es ist bemerkenswert, wie gut „Blaubart“ als Gesellschaftssatire sowohl im Zweiten Kaiserreich, in der Weimarer Republik und in der DDR funktioniert hat. Und ich glaube, das wird sie auch im heutigen Berlin.

tip Komische Opern stellen für Regisseure heute meist ein Problem dar. Man meidet sie. Wann haben Sie zuletzt in der Oper gelacht?
Stefan Herheim Ich lache oft, meist aber, weil es durch handwerkliche Mängel mancher Regisseure unfreiwillig komisch wird. Man sollte nicht aus den Augen verlieren, dass die Oper – auch die ernste – im 19. Jahrhundert Teil einer groß angelegten Unterhaltungsindustrie war. Niemand wusste das besser als Offenbach, der in „Blaubart“ ein frivoles Spiel weitgehend mit Mitteln der Grand Opéra intonierte. Diese leichte Muse fordert viel Übersetzungsarbeit, und man muss höllisch aufpassen, durch Zwangsmodernisierung nicht in eine neue Biederkeit hinein zu rutschen.

tip Im „Blaubart“, wo der Held sechs Frauen ermorden lässt, geht es um ein echtes ­Tabu: die sogenannte Vielweiberei! Schon der Ausdruck ist anstößig.
Stefan Herheim Wenn wir den Eros zum Tabu erklären, haben wir verloren. Und die Kunst muss auch den pervertierten Eros zum Gegenstand haben dürfen. Der Motor dieser durchsexualisierten Opéra Bouffe ist eine von Lustbefriedigung getriebene Hybris, der alle Herren der Macht verfallen sind.

tip Für Karl Kraus bedeutete die Pariser Operette die gute Variante – im Unterschied zur Verlogenheit der Wiener Operette. Ist Paris besser?
Stefan Herheim Paris ist radikaler und ehrlicher, weil die Verlogenheit und der ganze Unsinn durch die schwungvollen und leichten Melodien verstärkt hervortreten, statt verharmlost zu ­werden. In der Wiener Tradition werden die Perversionen in einer betäubenden Sentimentalität ertränkt. Kraus hat darin den zu seiner Zeit brodelnden Faschismus gewittert und kunstkritisch angeprangert.

tip In Berlin werden Sie auch den neuen „Ring des Nibelungen“ an der Deutschen Oper inszenieren. Schon wieder eine Zumutung?
Stefan Herheim Die Frage, wie man heute mit dieser Herausforderung umgehen kann und muss, wäre niemandem willkommener als Götz Friedrich selbst, dessen „Ring“ im letzten Jahr abgesetzt wurde. Also gehe ich dieser Frage nach und bin bemüht, weniger den Erwartungen anderer als meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.

tip Ab 2022 übernehmen Sie auch ein festes Haus, das Theater an der Wien. Warum?
Stefan Herheim Erstens, weil ich mich nach Kontinuität und einer künstlerischen Heimat sehne. Zweitens ist der ständige Wechsel zwischen Opern­häusern unterschiedlichster Prägung sehr anstrengend. Manche verschweigen lieber die Begrenzungen ihrer Bühnen. Sowas im Nachhinein auszubaden, ist nicht meine Lieblingsbeschäftigung.

Termine: Komische Oper Behrenstr. 55 – 57, Mitte, Karten 12 – 79 €

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