Streifzug durch Oberschöneweide
In Oberschöneweide entsteht auf einem lange verwahrlosten Industrieareal gerade ein Quartier für Künstler und Gewerbetreibende – doch der Spaß könnte schnell vorbei sein, denn auch die Luxuswohnungsentwickler zieht es hierher

Die Wilhelminenhofstraße hat zwei Gesichter. Auf der einen Seite Wohnhäuser, auf der anderen alte Hallen. Gründerzeithäuser mit Dönerläden, Nagel- und Sonnenstudios stoßen auf mehr oder weniger gut erhaltene Werkshallen aus der Hochzeit der Industrie. Und in der Mitte rasselt die Straßenbahn entlang.
Über Jahrzehnte war genau das Oberschöneweide: Auf der einen Seite wurde gearbeitet, auf der anderen gewohnt. Damals, als der jetzige Ortsteil von Treptow-Köpenick noch Standort von AEG und später, zu DDR-Zeiten, vom VEB Transformatorenwerk und Kabelwerk Oberspree war. Damals, als von hier aus die Hardware für die Elektrifizierung von Berlin und der ganzen Welt geliefert wurde.
Doch jetzt wecken die Spreegrundstücke neue Gelüste. Wo heute noch alte, zum Teil verfallene Werkshallen bis hinunter zum Ufer reichen, könnten schon bald Wohnhäuser stehen. Teure Wohnhäuser natürlich, denn die Lage am Wasser – am sonnigen Südufer – ist begehrt. Auch das postindustrielle Ambiente lockt die Interessenten. Außerdem ist der künftige Berlin-Brandenburger Flughafen BER nah, und die Innenstadt auch.
Noch sind die Hallen am Ufer beinahe ein Paradies für Künstler und Gewerbetreibende: Keine Nachbarn, die sich über Ruhestörung oder Materialhalden beschweren könnten – wo gibt es das sonst noch in Berlin?
Susanne Reumschüssel, Filmemacherin und alteingesessene Oberschöneweiderin, leitet den Industriesalon Schöneweide, eine Präsentation historischer Geräte und Fotografien, in einer dieser alten, geschichtsträchtigen Hallen. Sie sagt: „Wenn auf dieser Seite der Wilhelminenhofstraße, wo traditionell die Industrie angesiedelt ist, Wohnbebauung zugelassen wird, wäre das ein Paradigmenwechsel für Oberschöneweide.“ Zusammen mit anderen Mitstreitern aus dem Stadtteil versucht sie, den Wohnbau zu verhindern. Ihre Sorge hat eine für Berlin allzu bekannte Bezeichnung: Gentrifizierung.
Es geht um die Rathenau-Hallen, ein großer Komplex aus Werkshallen, teilweise aus der Gründerzeit, zwischen Wilhelminenhofstraße und Spreeufer. Ein irischer Investor hat das Gelände gekauft und vermietet einen Teil. Mode-…