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Streitthema Görlitzer Park

Streitthema Görlitzer Park

So ist der Plan: ein Kiff-in im Görlitzer Park am 1. April. Ja, gut. Aber seit wann braucht man im Görli zum Kiffen Termine?
Anfang März, ein frühlingshafter Nachmittag. Mit den Sonnenstrahlen wird der Kreuzberger Park zum sich selbst erfüllenden Klischee. Volle Terrassen vor dem Cafй Edelweiß. Vielsprachige Tagträumer in der zentralen Senke. Leicht erregbare Hunde. Und weiter hinten, auf dem breiten Mittelweg: meist afrikanische Männer, die keinem Blick ausweichen. Ihn vielmehr suchen. „Yes?“, „Gras?“, „Yo, Man?“ Dicht an dicht. Je weiter es Richtung Landwehrkanal geht, zur Falckensteinstraße, desto mehr sind sie unter sich.
 Ihnen gilt das „Große Solidaritäts Kiff-in“  am 1. April, 18 Uhr. Ab Anfang April soll der Park eine drogenfreie Zone werden. Wie der Umkreis aller Berliner Schulen und Kitas. Das jedenfalls ist die neue Null-Toleranz-Strategie von Innensenator Frank Henkel. Bei einer Pressekonferenz Ende Januar nannten er und sein CDU-Kollege in der Justizverwaltung, Thomas Heilmann, den Park ganz explizit. Die liberale Berliner Eigenbedarfs­grenze ist dann vielerorts passй. Bei bis zu 15 Gramm an Cannabis oder Marihuana in der Jacke bekam man ein Aktenzeichen, das Verfahren wurde aber eingestellt. Jetzt nicht mehr.
Jedenfalls wäre ein Massenkiffen das Gegenteil von dem, was sich der Leiter der hiesigen Polizeidirektion 5, Stefan Weis, von der Null-Toleranz verspricht: „Auch eine präventive Wirkung.“ Vielleicht, grübelt Weis, sei er da aber auch „ein bisschen blauäugig.“
Es sind Unterstützer der Flüchtlinge vom Oranienplatz, die später in der Gerhart-Hauptmann-Schule unweit des Görlitzer Parks unterkamen, die jetzt zum Kiff-in aufrufen. „Die jetzige Aktion sehen wir als eine Art Netz­guerilla-Aktion an und hoffen dabei auf ein großes, solidarisches Miteinander aus vielen sozialen Schichten„, erkärt ein Aktivist. Bei Facebook hatten bis Ende letzter Woche gut 1?000 Leute zugesagt. Es könnte Ärger geben. Vielleicht ist das auch genau die Absicht.
Ist der Görlitzer Park noch zu retten?
Einer, der sich das seit ungefähr drei Jahren fragt, sitzt an einem dieser frühwarmen Nachmittage auf einer Bank am Parkeingang. Eine Bank weiter ziehen zwei schwarze Männer einen durch, da liegt einiges in der Luft. Lorenz Rollhäuser, 61, blickt seit 20 Jahren von seiner Wohnung direkt auf den Park: „Die Situation ist zunehmend schwierig geworden“, sagt er.
Mit Nachbarn hat er im letzten Sommer eine Anwohner­initiative gegründet. Der Park dürfe nicht sich selbst überlassen bleiben. Doch gleich bei der ersten Anwohner­versammlung schrien ihn Kritiker nieder. Rollhäuser und seine Mitstreiter würden die Nöte der Flüchtlinge negieren, rassistische Klischees verbreiten. Vom Bürger zum Rassisten. Das geht in Kreuzberg mitunter schnell.
Dabei muss ihm, Rollhäuser, niemand etwas über die problematische Asyl-, Flüchtlings- und Drogenpolitik erzählen: „Wir wissen doch, dass die alle nicht zum Spaß hier stehen“, sagt er, zur Bank nebenan deutend.
Seit November hat die Polizei speziell im und am Görli den Druck erhöht: mit 25 Beamten vor Ort, mit Unterstützung vom LKA und der Bereitschaftspolizei. Insgesamt wären für Ermittlung und Präsenz mindestens 60 Beamte eingeplant. Beileibe nicht nur im Bereich des Parks. „Wenn wir im Görli sind, verdrängen wir“, sagt Stefan Weis, der Direktionsleiter. „In die Wohngebiete, den Revaler Kiez, auch die Hasenheide. Das wissen wir, und deshalb kontrollieren wir auch dort.“
Wenn die Polizei im Park sei, so hat es Rollhäuser beobachtet, sei dort kein Schwarzer zu sehen. „Dafür tauchen dann hellhäutige Araber auf, die ihr Zeug anbieten.“
Die Fronten, sie sind unübersichtlich geworden im Görlitzer Park. Vielleicht muss das in Kreuzberg einfach so sein. Wo so ein Park nicht einfach ein Park ist, sondern ein Symbol für alles Mögliche. Asylpolitik, Globalisierung, Tourismus, Drogenpolitik. Der Kreuzpark.
Hätte es dafür noch eines Belegs bedurft, jene Bürgerversammlung zum Görlitzer Park hätte ihn geliefert, Mitte Februar im Jugendzentrum Chip in der Reichenberger Straße. Als 30 Flüchtlings­unterstützer unter den 250 Besuchern jeden niederbrüllten, dessen Meinung ihnen nicht gefiel. Den Innenstaats­sekretär Bernd Krömer von der CDU („Hau ab, hau ab!“). Einen Anwohner, der mit seinem kleinen Sohn seit zwei Jahren den Park meidet („Buh! Wohlstandskinder!“). Oder auch die Bezirksbürgermeistern Monika Herrmann (Grüne). Ein bizarrer Abend.

Görlitzer Park

Es gab diesen einen Moment, wo etwas hätte kippen können. Da stand eine Frau Anfang 50 am Saalmikrofon, im rot gestreiften Pullover. Sie erzählte von ihrem neuen Unterstützerprojekt für Flüchtlinge, Bantabaa, „das ist Mandinka und heißt: Treffpunkt„.
Und dann drehte sich Brigitta Varadinek zu den „ganzen Schreiern da hinten“ um. Sie bräuchte Unterstützung. Jede Menge. „Statt hier rumzuschreien, wäre es toll, wenn ihr kämt.“ Wüste Tiraden von hinten. Der Moment, er verging ohne Folgen. So schien es.
Vorher, da war die Veranstaltung kurz unterbrochen, sah man Kurt Wansner, den alten Kreuzberger CDU-Haudegen, mit einem „Hab ich doch gleich gewusst“-Gesichts­ausdruck durch den Saal schlendern.
Volker Härtig hielt es nur eine Stunde im Chip aus. Tags zuvor hatte der SPD-Mann ein Positionspapier zum Görli, das er Mitte Januar verfasst hatte, noch mal über­arbeitet. Härtig wohnt am Park, er war mal früher mal bei den Grünen. „Die Politik hat am Görli seit Jahren weggeschaut und versagt“, schreibt er nun. Und: „Der Park weist mancher­ort mehr Scherben und Kronkorken als Grashalme auf.“  
Seine Vorschläge: unter anderem eine nächtliche Schließung des Parks, eine Jobbörse für Flüchtlinge, eine landschaftliche Umgestaltung des Parks nach Art des Gleisdreiecks­parks. Und gleich auch noch eine Genehmigungs­pflicht für neue gastronomische Einrichtungen im weiten Umkreis.
Anfang März richtete Härtig dann eine Experten­anhörung über die Zukunft des Parks in der Emmanus-Kirche am Lausitzer Platz aus. Es soll eine gute Diskussion gewesen sein, sagen Teilnehmer. Ohne Radau. Vielleicht auch deshalb, weil Härtig die Einladungen sicherheits­halber per Mail verschickte. Die Protestler bekamen davon schlicht nichts mit.
Vielleicht werde die drogenfreie Zone das Dealer­pro­blem eindämmen, sagt Härtig jetzt. „Aber das ist doch keine hinreichende Antwort auf die Probleme dieses Parks.“
Natürlich sind die Dealer ein Teil des Problems. Vielleicht aber der schwächste Teil des Ganzen. Oft ohne Asyl, ohne Status. Ohne Job. Im Park selbst, aber auch in Anrainer­straßen wie der Skalitzer Straße, unter dem Viadukt am Görlitzer Bahnhof. Neulich gab es wieder eine Messerstecherei. Da sind Vorurteile schnell bei der Hand. Die treffen aber alle Schwarzen.
Da ist zum Beispiel der 32-jährige Mann aus Gambia, der in der Görlitzer Straße vor dem Beratungs­center von Joliba, einem Hilfs­verein für afrikanische Familien, auf Englisch sagt: „Du kannst nicht in den Park gehen, wenn du schwarz bist. Es ist zu gefährlich.“
2013 hat Joliba vier Monate lang 600 Flyer mit mehrsprachigen Benimmregeln und Angeboten im Park verteilt, beim Bezirk waren zum Jahres­ende noch 4?000 Euro aufgetan worden. Seitdem hofft Joliba-Chefin Katharina Oguntoye vergeblich auf eine staatliche Anschlussfinanzierung. Es ist frustrierend.
Der Mann aus Gambia erzählt, Polizisten hätten ihm bei einer Kontrolle im Park seinen Pass und sein Portemonnaie mit 150 Euro abgenommen, beides dann in eine Tüte mit Gras gelegt. In seiner Tasche steckt ein Ticket nach Italien. Er müsse dorthin zurück, wo er den Asylantrag gestellt habe. Papiere und Geld bekomme er erst im Flugzeug wieder.
Kommt er wieder zurück? Nach Deutschland, Berlin, zum Görli? Da lächelt der Mann. Eine andere Geschichte von Vorurteilen erzählt Claudia Hiesl vom Kinderbauernhof im Görlitzer Park, der aus allen Nähten platzt, demnächst auch erweitert wird. Sein umzäuntes Arreal verheißt Eltern jene Sicherheit für ihre Kinder, die der Park nicht mehr bietet. Auf dem Hof arbeitet, im Bundesfreiwilligendienst, ein Mann aus Uganda. Kein Asylbewerber. An seinem ersten Probetag, erzählt Hiesl, hätten die Kinder irritiert gesagt: Der dürfe doch gar nicht auf den Hof. Später spielten alle gemeinsam Fußball.
Ein paar Tage später, es ist ein kalter Sonnabend, sitzt Brigitta Varadinek – die Frau vom Bantabaa-Verein in Gründung, die im Chip die Störer zum Mitmachen bringen wollte – an einem Tisch im hinteren Raum eines Cafйs in der Falckensteinstraße, das ihren Nachnamen trägt. Draußen steht „vegan & vegetarian“ an der Kreidetafel. Ihre Tochter, 28, betreibt das Cafй. Und beide Bantabaa.
Ende letzten Jahres hatte die Mutter, die alle nur Gitta nennen, im Park Flüchtlinge kennen­gelernt. Da ging sie mit ihrem Hund – „ein rumänischer Findlingshund„, lacht sie – spazieren. Man kam ins Gespräch. Anfang des Jahres mietete sie nebenan Räume eines Architektenbüros, man organisierte Sprach- und Alphabetisierungskurse, besorgte eine Köchin. Schuf einen Ort zum Bleiben.
Annika Varadinek erzählt, ihre Mutter habe sie „sehr sozial“ erzogen. Schon in den 80er-Jahren hätten ihre Eltern aus einem nahen Flüchtlingsheim zwei polnische Kinder in den Familienurlaub mitgenommen. Jetzt zog einer der Flüchtlinge vom Görli zeitweise bei Annika Varadinek ein.
Viele der Flüchtlinge haben in Libyen gearbeitet. Auf dem Bau zum Beispiel. Als Gaddafi fiel, mussten sie weg. „Die meisten Männer im Park haben keine Arbeit“, sagt einer, der sich „European Refugee“ nennt. Also verkaufen sie Drogen?
„Ich kann nicht sagen, ob sie Drogen verkaufen“, sagt der Mann, der auch aus Gambia stammt. „Vielleicht ja. Aber ich kann mich irren.“
Gitta Varadinek erklärt:“Die Jungs vertrauen nur sehr wenigen.“ Viele der Jungs brächten die Nächte im Park zu, weiß sie. Oder in Clubs. Schliefen tagsüber bei Kumpels. Oder in irgend­einem 16-Bett-Hostelzimmer. Manche gingen ins Wettbüro die Straße runter. Fußballfans, fast alle. Zwei hätten mal was gewonnen. „Von dem Geld haben sie sich portugiesische Pässe gekauft“, grinst die Tochter.
Es war eine Woche nach der Versammlung im Chip. Da standen tatsächlich zwei der Störer bei den Bantabaa-Leuten im Raum. Sie wollten reden, auch helfen. Bitte, geht doch.
Wie hat doch ein paar Tage zuvor Lorenz Rollhäuser, der Mann von der Anwohner­initiative, auf der Bank im Görlitzer Park gehadert: „Es ist eine idiotische Situation, dass wir Kreuzberger so handlungsunfähig sind, dass Herr Henkel mit seiner Polizeistrategie durchkommt.“ Und er sagt, zu sich selbst, zum Park, zu alledem: „Ja, wo leben wir denn?“

Text: Erik Heier

Fotos: Petra Konschak, Cosima Schön

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