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Sven Regner im Interview

Regner_tiptip Ihr neues Buch beschreibt die Nacht im November 1980, in der Frank Lehmann nach Berlin kommt, um seinen großen Bruder zu suchen …
Sven Regener Die ersten 48 Stunden. Ich wollte zeigen, wie er in der Lage ist, sich in zwei Tagen ein neues Leben aufzubauen. Also komplett. Freunde, Job, Wohnung, Feinde – alles da, innerhalb von zwei Tagen. Denn er hat ja nichts mehr im Rücken. Er hat in Bremen nicht mal mehr was zum Wohnen, und zu seinen Eltern will er auch nicht zurück. Wie er neu anfängt, mithilfe seines Bruders, ohne dass der da ist – dabei habe ich keine Minute ausgelassen.


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Sie erzählen in Echtzeit …
Regener Wie bei Kriminalgeschichten, wo auch die Zeit drängt. Es war klar, wenn er länger als zwei Tage gebraucht hätte, seinen Bruder zu finden, dann hätte er zur Polizei gehen müssen. Das war der Grundansatz beim Schreiben, dass schnell viel passiert durch eine Verkettung von Zufällen und seltsamen Begebenheiten.

tip Kaum hat Frank Lehmann die Transitstrecke verlassen und sein Auto in Kreuzberg abgestellt, da ist er auch schon mittendrin.
Regener Das fand ich immer beeindruckend an Berlin: Man kann überall gleich mitmachen. Niemand fragt: „Sag mal, wo kommst du eigentlich her, was machst du eigentlich sonst so“ oder „Was hast du vor?“ Ein bisschen wie bei der Fremdenlegion. Wobei: Eine kleine Eintrittskarte braucht man immer. In diesem Fall ist es der Bruder, der es ihm einfach macht, anzudocken. Niemand verlangt etwas von ihm. Darum habe ich auch einen riesigen Spaß daran gehabt, diese erste Nacht immer weiterzuführen.

tip Die Zeit scheint sich in dieser Kreuzberger Nacht auszudehnen.
Regener Das ist ein wichtiger Aspekt: Nachts geht das Zeitgefühl flöten. Man quatscht sich irgendwo fest, und schon sind zwei Stunden rum. Das hat mit der inneren Uhr zu tun, weil man eigentlich nachts schläft. Junge Leute haben Energie, die denken nicht daran, ins Bett zu gehen. Wenn es irgendwie geht, macht man weiter. Deshalb habe ich auch gesagt, dass das Buch ein schwarzes Cover haben soll. Weil es eigentlich nur dunkel ist. Auch tagsüber, wenn er aufwacht – wir haben November in Westberlin.

tip Hatten Sie die Ereignisse dieser Nacht schon im Kopf, oder sind sie beim Schreiben entstanden?
Regener Das ist eine Mischung. Ich bin kein großer Konzeptemacher im Vorfeld, aber ich habe sehr viel im Kopf. Eine gewisse Struktur. Die Idee, dass Frank Lehmann seinen Bruder sucht, dass sein Bruder nicht da ist, dass der Karl und der Erwin da mit rumstolpern, dass er sein Talent für diesen Kneipenjob entdeckt – das war mir schon alles vorher klar. Die Einzelheiten, dass sie zum Beispiel den betrunkenen Martin Bosbach durch die Gegend tragen, die haben sich so ergeben. Mir war klar, in diesem Laden namens Zone kommt Frank an den Job mit dem Bierdosenverkaufen. Das war sozusagen gesetzt. Aber als er hinten die Abrechnung macht, da habe ich zunächst einmal diesen Punk reingeschrieben, der besoffen in der Ecke liegt. Dann entspinnt sich ein Dialog, und es kommt raus, das ist überhaupt kein Punk, der verkleidet sich nur als Punk, das ist ein Kunstprojekt, eigentlich hasst er Punks. Und dann dachte ich halt, jetzt nehmen sie ihn einfach mal mit. Dann kommt schon das nächste Ding, sie müssen zum besetzten Haus, weil sie ihn loswerden wollen.

tip Was ihnen nicht gelingt …
Regener Genau, und so kommt eins zum anderen. Ich bringe am Anfang immer ein paar Figuren zu viel mit rein. Die sind dann schon da, wenn ich sie später brauche. Der Kristall-Rainer aus „Herr Lehmann“ war so ein Fall. Zunächst habe ich eigentlich nur so einen Typen dahinten reingemalt, wie es ihn fast in jeder Kneipe gibt. Der jeden Abend dasitzt, der immer das Gleiche trinkt und den niemand beachtet, weil er zum Inventar gehört. Als ich dann jemanden brauchte, der heimlich was mit Katrin hat, bot sich Krisatall-Rainer einfach an. Wenn man sich so etwas vorher ausdenkt, dann wirkt es auch ausgedacht, dann wachsen die Figuren nicht in die Sache rein. Ich lasse lieber ab und zu einen wilden Zweig wuchern und sehe zu, was dabei rauskommt. Martin Bosbach hat zum Beispiel sich da so reingeschummelt und bekam plötzlich eine Bedeutung, die nicht geplant war. Irgendwann steigt er dann auch wieder aus, weil er auf einem anderen Trip ist als die anderen.

tip Ist das nicht auch typisch für Berlin, dass Leute, die man kennt, einfach so verschwinden?
Regener Das ist ja auch die Idee von einer Großstadt. Ich bin ein Stadtmensch und mochte es schon immer, dass sich kein Schwein dafür interessiert, was man macht. Man kann in der Bude verrecken, das interessiert auch kein Schwein. Das ist die negative Seite, wenn man so will. Aber die soziale Kontrolle, die ausgeübt wird, ist sehr gering. Wer jung ist und was auf die Beine stellen will, für den ist das sehr gut: Alle Netze schafft man sich selber. Wenn man auf dem Dorf wohnt und schwul ist, dann weiß das ganze Dorf Bescheid und übt Kontrolle aus. Dann geht man eben nach Berlin.

Das vollständige Interview finden Sie im tip 19/08

Interview: Heiko Zwirner

zum Artikel: Bücher über Berlin

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