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„Tagebuch 3“ von Max Frisch

FrischEs ist nichts Falsches daran, zu behaupten, die Erzählung „Montauk“ sei Max Frischs „intimstes und zartestes“ Buch.
„Montauk“ erschien 1975 und schildert ein Liebeswochenende zwischen einem älteren Mann und einer jungen Frau in einer Idylle auf Long Island. Der Mann ist Max Frisch und zu dieser Zeit bereits 62 Jahre alt, die Frau heißt Lynn und ist rund dreißig Jahre jünger. Was „Montauk“ so intim macht, ist nicht diese Ungeheuerlichkeit der Altersdifferenz allein, auch nicht die Entblößung der Körper, es sind die vielen Nebenthemen, die Reflexionen, die während dieses Wochenendes aufbrechen. Das Verhältnis zu Ingeborg Bachmann zum Beispiel. Unvergessen, wie und was Frisch von seiner Eifersucht erzählt.
„Montauk“ war erzählendes Tagebuch, damit trotz authentischem Hintergrund immer auch Fiktion. Jetzt aber ist das richtige Tagebuch jener Zeit aufgetaucht, „Tagebuch 3“, und darüber erhitzen sich nun die Gemüter. Hätte es publiziert werden dürfen? Hätte das der Autor gewollt? Adolf Muschg stellt sich gegen Peter von Matt, dem Herausgeber, und beide im Stiftungsrat der Frisch-Stiftung, und sagt Nein. Den von Frischs Sekretärin entdeckten Fund hätte Frisch so nie der Öffentlichkeit dargeboten. Der ganze Text wirke müde, die politischen Statements gegen die Reagan-Ära überholt, das Private über Frischs Lebensgefährtin Alice Locke-Carey, das ist Lynn, zu privat. „Wann gibt man die geschlechtliche Impotenz zu?“, fragt Frisch im Tagebuch und fügt hinzu, „ich gehe noch immer zur Apotheke“.
Das alles, so Muschg, wäre von Frisch überarbeitet worden. Muschg konnte die Veröffentlichung nicht verhindern und trat Ende 2009 aus dem Stiftungsrat zurück. Derweil zieht der andere gewichtige Schweizer Germanist, Peter von Matt, mit Frischs Tagebüchle, das die Jahre 1982 bis zur Trennung von Alice Locke-Carey Mitte der 80er behandelt, durchs Land und feiert es als Sensation. Der kritische Leser wird zwar dem Frisch-Fund nicht abgeneigt gegenüberstehen, den Ball vermutlich aber doch flacher halten.

Text: Andreas Burkhardt

Foto: Andrej Reiser, Suhrkamp

tip-Bewertung: Zwiespältig

Max Frisch „Tagebuch 3“, ?Suhrkamp, 213 Seiten 17,80 Ђ

Buchvorstellung mit Peter von Matt, Peter Bieri, Wolfgang Condrus: Museum Dahlem, Lansstraße 8, ?Zehlendorf, So 11. 5., 19.30 Uhr, ?Eintritt 10/5 Ђ

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