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Tanzstadt Berlin

Tanz im August 2018 – Fliegen lernen

Berlin hat die größte Tanzbühne der Welt, die größte Tanzszene Europas. Jetzt kommt das Festival Tanz im August in die Stadt. Hier wimmelt es von Tanzverrückten. Das hat viel mit Sasha Waltz zu tun

The Sea Within. Foto: Danny Willems

Vor 40 Jahren war sie eine handverlesen rebellische Kommune: die Tanzfabrik in Kreuzberg. Vor 33 Jahren gründete sich die älteste heute noch aktive freie Berliner Tanzkompanie: Rubato heißt sie. Seit 30 Jahren tobt im Sommer das große Festival Tanz im August. Vor 25 Jahren schuf die bekannteste Berliner Choreografin ihre Kompanie Sasha Waltz & Guests, jene Dame, die nun nach etlichem Zoff ­gemeinsam mit dem Schweden Johannes Öhman auch die Leitung des Staatsballetts übernimmt, einer seit 276 Jahren existierenden Balletttruppe. Vor 276 Jahren, wir schreiben das Jahr 1742, eröffnete Friedrich der ­Große die Königliche ­Hofoper.

Seitdem setzen die Berliner viel da­ran, die menschlichen Knochen so anmutig zu bewegen, dass man ­gerne zusieht. Heute, so schätzt der „Dachverband Tanz Deutschland“, untergebracht im Kreuzberger Künstlerhaus Bethanien, leben rund 3.000 Personen in Berlin mit und von der Tanzszene. Damit meint der Verband nicht die ­unglaubliche Zahl von 20.000 Tanz­schulen, die das Hauptstadtportal berlin.de ver­zeichnet, Institute, die davon leben, uns die richtigen Schritte ins Leben beizubringen und allsommerlich dafür sorgen, dass es vor dem Bode-Museum einen Schwof zu Walzerklängen gibt, wahlweise eine ­Milonga im Tiergarten zum ­Tangotakt.

Der Dachverband meint aber nur jene Tanzschaffenden, die aus aller Welt nach Berlin kommen, um auf einer Bühne und gegen Gage ein Publikum zu bewegen, das sich wiederum normalerweise im Dunkel des Theaters nicht bewegen darf.
Die Stadt hat dazu die größte Tanzbühne der Welt, den Friedrichstadt­palast in Mitte. Dieses Theater glänzt mit Deutschlands größtem Kinder- und Jugendensemble. Dabei steht der Revue-Palast noch immer fest in der ­Tradition jener Berliner Amüsier-Industrie, die im 19. Jahrhundert, vor Kino und Fernsehen, mit viel Aktienkapital aus dem Boden schoss und Tänzerinnen und Tänzer aus aller Welt anlockte – Namen, die man vielleicht heute noch kennt: ­Valeska Gert, Mary Wigman oder Harald Kreutzberg.

Die Urzelle der freien Tanzszene

Berlin war, so geht zumindest die Legende, bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ein einziges „Cabaret“, wie man es aus Bob Fosses Film von 1972 mit Liza Minnelli erinnert. Gayle Tufts, die große amerikanische Entertainerin in Berlin („Denglish“), kam genau wegen dieses Films nach Berlin, „wegen dieser ­Mischung aus Singing und Story-Telling und Tanz. In einem Cabaret lacht man, weint man und trinkt etwas dazu“, erzählt sie, „aber als ich 1988 in Berlin ankam, gab es kein einziges Cabaret. Wer in Amerika an Berlin denkt, denkt sofort an Liza ­Minnelli. Ich hab sogar versucht, die S-Bahnbrücke aus dem Film wiederzufinden. Aber sie wurde renoviert.“

Gayle Tufts, Berlinerin seit 30 Jahren, begann ihre hiesige Karriere in einem 40 Jahre alten Kollektiv namens Tanzfabrik, das sich damals dank des Choreografen Dieter Heitkamp durch eine besonders freie Tanzform einen Namen gemacht hat: durch Kontaktimprovisation, einer Mischung aus Streichelzoo, Freizügigkeit und anmutiger Selbstliebe. Ohne Zweifel ist diese Tanzfabrik die Urzelle der freien Tanzszene.

Aber was heißt hier frei? Frei wurde in Westberlin alles sehr gern genannt. Freie Universität, Freie Volksbühne (heute heißt sie Haus der Berliner Festspiele) und eben: Freie Szene. Das ist jenes Gebilde aus Kunstschaffenden, die auf Honorar­basis, ohne feste Anstellung, Musik machen oder Tanz oder Kunst oder Performance, und dazu dank der niedrigen Berliner Eintrittspreise von der Zuneigung der Berliner Kulturpolitik abhängig sind. Die Freie Szene ist also mitnichten frei. Sie ist gebunden an Aufträge, die ihr die Politik erteilt. Das bedeutet praktisch, dass allein 3.000 Tanzschaffende mehrmals im Jahr Anträge beim Land Berlin stellen müssen, sprich: bei einer stattlichen Anzahl von Jurymitgliedern und einer nicht minder stattlichen Anzahl von Fördertöpfen, um überleben zu können.

Grandes Fugues. Foto: Stofleth

Die Königin der freien Tanzszene heißt Sasha Waltz. Sie fand direkt nach der Wende gemeinsam mit ihrem Ehemann Jochen Sandig den besten Draht zum Berliner Senat. Anfangs residierte sie im Künstlerhaus Bethanien. Sie tanzte in den Hackeschen Höfen (wo heute das einzige Berliner Theater für Neuen Zirkus, das Chamäleon, untergebracht ist). Sie war beteiligt an Berlins aufregendster Hausbesetzung, dem ehemaligen Kaufhaus Tacheles in Mitte, von wo aus ihr die Politik die Sophiensaele anbot, ein ehemaliges Handwerkervereinshaus, das noch ­heute ein besonders wichtiges Zentrum der freien Tanzszene ist.

Das Paar zog weiter ins Radialsystem V, auf eine malerische Bühne am Ostbahnhof direkt an der Spree. Auch hier hat die Stadt kürzlich gern geholfen und dieses Objekt aus der Hand eines Investors zurück erworben. Folgt man Sasha Waltz durch die Hauptstadt, darf man glauben: Es war die in Karlsruhe geborene Choreografin, die Berlin zu einer „Tanzstadt“ gemacht hat. Bei den Eröffnungen des Jüdischen Museums und des Neuen Museums beispielsweise schuf sie gewaltige Choreografien.
Auch die Schaubühne am Kurfürstendamm, einst traumhafter Werkraum des Regisseurs Peter Stein, erwachte im Jahr 2000 mit einer Waltz-Choreografie: „Körper“ hieß sie, die geschickt eher tanzferne Berliner Sehgewohnheiten und die damalige Avantgarde des Tanzes auf einen Nenner zu bringen versuchte.

Was seit den 1980er-Jahren vor allem auf den Kreuzberger Bühnen, dem Hebbel-Theater und dem Theater am Halleschen Ufer (dem heutigen Hebbel am Ufer, kurz HAU) einer wissenden Minderheit von Tanzverrückten dargeboten wurde – das HAU unterhält auch heute noch ein exklusives Tanzprogramm mit einem eigenen Tanzdramaturgen –, verwandelte Sasha Waltz in ein massentaugliches Kunstwerk.

Die Stadt hat sie dafür reich belohnt: mit der höchsten Fördersumme für eine freie Gruppe überhaupt in Berlin. Und aktuell mit dem lukrativen Auftrag, das Staatsballett Berlin ästhetisch auf Augenhöhe zu Europas modernen Ballettkompanien zu führen.

Die anderen 2999 Berliner Tanzschaffenden schauen vor allem aber auf eine Dame: auf Nele Hertling. Die 84-Jährige, die aktuell mit der höchsten Auszeichnung, dem „Deutschen Tanzpreis“, geehrt wird, ist die eigentliche Schöpferin des Berliner Tanzwunders. Als sie im Jahr 1988 die Feierlichkeiten der „Kulturhauptstadt Berlin“ verantwortete, gab es nur eine Handvoll Tanzkünstler – im Ostteil der Stadt war es Jo Fabian, im Westteil der Stadt die Tanzcompagnie Rubato –, denen Nele Hertling die Hand reichte und sie ins Hebbel-Theater einlud, gemeinsam mit den ganz Großen der damalige Tanzwelt, mit Merce Cunningham aus New York oder Jan Fabre aus Antwerpen.

Die Intendantin der Avantgarde

Die immer noch hoch agile und höchst intelligente Vizepräsidentin der Sektion Darstellende Kunst an der Akademie der Künste legte den Grundstein für die institutionelle Verankerung des Tanzes in Berlin. Sie ist die Architektin des bedeutendsten Tanzfestivals in Deutschland Tanz im August. Und sie erhielt zu Recht den Beinamen „Intendantin der Avantgarde“, weil sie nicht Berlin und seine Szene zum Maßstab aller Kunst erkor, sondern den Tanz aus aller Welt. Heute gilt sie als die Hauptschuldige dafür, dass es in Berlin nur so wimmelt an Tanzbeinen aus aller Welt.

Constanza Macras zum Beispiel. Die Argentinierin weilt gerade in Südafrika. In den kommenden zwei Jahren wird sie für den Tanz an der Berliner Volksbühne sorgen, nach dem Abgang des gescheiterten Intendanten Chris Dercon. Bereits seit 1997 trägt Macras ihre Kompanie durch nahezu alle Berliner Theater. Von den Sophiensaelen über das HAU, die Schaubühne, das Maxim Gorki Theater bis hin zur Komödie am Kurfürstendamm fehlen „in meiner Sammlung nur noch das Berliner Ensemble und das Deutsche Theater“, lacht sie aus der Ferne, dem südafrikanischen Township Chatsworth, wo sie für Tanz im August gerade eine neues Stück probt: über Mahatma Gandhi, der 1893 im dortigen Durban an Land ging.

Macras’ Choreografien kommen wild und entschlossen daher, anarchistisch und immer sehr menschlich. Sie choreografierte chinesische Akrobatinnen, die in China ihren Job verloren, ganze Roma-Familien und zuletzt am Gorki-Theater ein Dutzend Straßenkinder aus Johannesburg. Wut und Wildheit, Mut und die Entschlossenheit, sich in die Welt zu werfen, sind aber nicht nur ihr Markenzeichen.

Einer dieser Begriffe würde auch sofort fallen, wollte man Außenstehenden erklären, was den Berliner Tanz so besonders macht. Wütend, wild, mutig und entschlossen muss man schon sein, weil einiges Gedränge auf dem hiesigen Markt herrscht, der Choreografinnen und Choreografen nur in Ausnahmefällen ein ständiges Auskommen bietet.

Dem Nachwuchs Beine machen

Die Ausnahmen wären die Halle an der Eberswalder Straße, der feste Spielort von Toula Limnaios. Und das Ballhaus Ost um die Ecke im Prenzlauer Berg, die Produktionsstätte für Christoph Winkler. Er hat ein gutes Händchen für postkoloniale und andere Polit-Themen, für die er ­bereits zweimal Deutschlands renommierten „Faust“-Preis in der Kategorie „Beste Choreografie“ einheimste, obwohl er außerhalb der Strukturen von Stadt- und Staatstheater produziert. Inter­national gesehen hat der Tanz aus Berlin einen mehr als exzellenten Ruf.

Dabei findet man die meisten Berliner Erfolgschoreografen eher anderswo in Europa, weil sie dort ein besseres Auskommen finden. Die Mehrheit der Berliner Tanzschaffenden hingegen schmort in der Vorhölle der ewigen Newcomer. Für sie hält das Land Berlin mindestens zwei große Plattformen ­bereit. Einmal das Dock 11 mit einer sehr engagierten Bühne im Prenzlauer Berg. Und die Uferstudios im Wedding. Dort, in einem ehemaligen Busbahnhof, teilt sich eine Fachuniversität mit dem sperrigen Namen Hochschulübergreifendes Zentrum Tanz die Flächen mit den im Jahr 2006 gegründeten Ada-Studios und jener Tanzfabrik, die ansonsten noch immer in Kreuzberg zu Hause ist. Die Uferstudios widmen sich explizit dem ewigen Nachwuchs. Das Dock 11 besitzt in Pankow zudem ein ganzes Ensemble von Studios, in dem ein Großteil der Berliner Tanzproduktionen geprobt wird.

Autobiography. Foto: Andrej Uspenski

Im Bereich der Ausbildung finden auch viele Berliner Tanzleute ihren eigentlichen Brotjob. Sie machen dem Nachwuchs Beine, im Friedrichstadt­palast, beim Kinder- und Jugendprogramm von Sasha Waltz & Guests, bei Livia Patrizis „TanzZeit“-Initiative und bei denen, die nie vergessen haben, ­woher sie kommen: von der Straße. Die HipHop-Battle-Weltmeister, die berühmten Flying Steps, sind die einzige Berliner Formation, die den Amerikanern sogar in Las Vegas gezeigt haben, was „Cabaret“ heute heißt: die Leute von den Stühlen zu reißen und sie auf den Tischen tanzen zu lassen.

Unser Autor Arnd Wesemann ist Redakteur der Zeitschrift „tanz“. Natürlich wird sie in Berlin verlegt.

Tanz im August

Seit 30 Jahren ist es das Berliner Sommer­Event schlechthin, diesmal vom 10. August bis zum 2. September. Die aus Finnland stammende Festivalleiterin Virve Sutinen hat dazu erstmals Berliner Tanzkünstler zu Uraufführungen eingeladen: Isabelle Schad zeigt im Hauptprogramm ihr neues „Inside Out“, Constanza Macras hat Premiere mit „Chatsworth“, Felix Ott und Bahar Temits zeigen „M.A.R.S“ und Robyn Orlin präsentiert ihr „Oh Louis“. Alle Tickets unter ­www.tanzimaugust.de.

Unsere Highlights:

Trois Grandes Fugues
Die Festivaleröffnung. Drei berühmte Damen – Lucinda Childs, Anne Teresa de Keersmaeker und Maguy Marin – machen der Ballettkompanie aus Lyon tüchtig Beine zur stets gleichen Musik: zu Beethovens „Großen Fuge“.
Haus der Berliner Festspiele Schaperstr. 24, Wilmersdorf, Fr 10.– So 12.8., 19 Uhr, Tickets ab 15 €

Singular Extreme Actions
Die Amerikanerin Elisabeth Streb, 68, choreo­grafiert Tollkühnheit auf einem rotierenden Hindernis-Parcours für Tänzer. Sie mussten lernen, der Bestie aus drehenden Hamster­rädern zu vertrauen: „Schließlich verlange ich von ihnen äußerst unvernünftige Sachen.“
Sony Center am Potsdamer Platz  Mitte, Sa 11.8., 13 und 16 Uhr, Eintritt frei

Autobiography
Wayne McGregor behauptet: „Jede Autobiografie ist Fiktion“. Jeder tanzende Körper ist anders und doch gleich. Aus 23 Bewegungsvarianten, die dem menschlichen Chromosomensatz entsprechen sollen, schafft der Brite makellose Schönheit.
Haus der Berliner Festspiele Fr 17. + Sa 18.8., 19 Uhr, So 19.8., 17 Uhr, Tickets ab 15 €

The Sea Within
Lisbeth Gruweth aus Brüssel lässt zehn Tänzer wie auf dem Meeresboden tanzen. Man denkt an Unterwasserpflanzen in der Strömung. Bis sie von einer Welle erfasst werden.
HAU 2 Fr 17.+ So 19.8., 21 Uhr, Sa 18.8., 19 Uhr, Tickets ab 15 €

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