„Tanz im August“ findet 2025 vom 13. bis zum 30. August statt. Seit 37 Jahren steht der Sommer in Berlin für dieses Festival. Zwanzig Kompanien aus aller Welt sind für Berlin eine Herausforderung: für die Gastfreundschaft und fürs Publikum.

Ricardo Carmona leitet dieses Festival „Tanz im August“. Strenge Anzughose, weißes Hemd, eine farblich angemessen blasse Krawatte. Er verspricht: Es wird „relaxed performances“ geben. Frage, was er damit meint. Er antwortet, es gehe um die „Willkommensatmosphäre auch für ein Publikum aus dem autistischen Spektrum, mit Tourette oder chronischen Schmerzen.“ Für sie gibts Knautschsessel, die Türen bleiben offen, man darf Geräusche machen oder Bewegungen, die der strengen Theaterkonvention (Sitzen, Still sein, Zuhören) sonst nicht entsprechen.
Frage: Warum soll sich ausgerechnet der muntere Tanz den alten Konventionen der Theater-Kirchen unterwerfen, der engen Bestuhlung, dem kunstvollen Machtwort, dem Hausrecht der Theaterleitung? Vielleicht funktioniert Tanz eher wie ein Rockkonzert oder wie die Kunst, vor der es ja auch erlaubt ist, sich frei im Raum zu bewegen.
Anstatt dass das Theater sein Publikum bändigt, geht die Kunst des Tanzes in die Stadt. In diesem Jahr gibt es bei „Tanz im August“ eine Kooperation mit dem OutBox Movement, dem alternativen Battle aus Friedrichshain, das auf dem Tempelhofer Feld erlebbar wird. Und es gibt nora chipaumire, die ihren Namen in Kleinbuchstaben schreibt. Die in Simbabwe aufgewachsene Künstlerin verwandelt die Alte Münze am Molkenmarkt in eine simbabwische Shabini – eine informelle Bar, um gemeinsam Widerstand gegen die politische Macht zu proben. Großformatige Gemälde bilden eine verformbare Wand, durch die Klang, Licht und sogar Körper dringen. Es geht um tägliche Härten: das Ausweichen und Weglaufen vor einer Hunderasse, die von Weißen gezüchtet wurde, um Schwarze zu jagen. Es geht um den Ärger, den man hat. In ihrer Sprache heißt das „Dambudzo“. Und dennoch entsteht ein entspannter Raum, der nicht Kunst sagt, nicht Tanz sagt, nicht Sound sagt, sondern all dies auf einmal ist.
Viele Premieren bei „Tanz im August“ 2025
„Tanz im August“ gehorcht auch dem Gesetz des Risikos. Vieles, was Ricardo Carmona und die Produktionsleiterin Alina Lauer einladen, haben sie selbst nie gesehen. Entweder feiern diese Stücke ihre Premiere erst in diesen Tagen. Oder sie werden eigens für und von „Tanz im August“ als Premieren produziert. Letzteres ist Sitte unter den Festivals, die zu den führenden in der Welt zählen wollen.
„Tanz im August“ produziert eine Performance von Nguyễn + Transitory aus dem Nordosten Thailands mit kunstvollen Kupferplatten und -drähten, die bis Anfang Juli auch in der Kindl Brauerei als Soundinstallation zu sehen waren. Anlässlich des Festivals verdichten sie ihre Arbeit in den Sophiensälen zu einem Ereignis mit dem Titel „suân“.
Ligia Lewis, eben noch beim Festival „Dance“ in München, ist von dort nach Stockholm gereist, zu Cullberg, Schwedens zeitgenössischem Nationalballett ohne Ballett – einer nationalen Kompanie für zeitgenössischen Tanz. Dort erarbeitet sie für „Tanz im August“ eine choreografische Landschaft namens „Some Thing Folk“.

Xan Dye zielt unterdessen ab auf die Neurodivergenten unter uns, den Zappelphilipps und allen, denen Bewegung schwerfallen. Was hilft? Wiederholen. Was musikalisch als Minimalismus bezeichnet wird, ist hier eine körperliche Komposition aus gleichen, sich immer neu strukturierenden, oft schaukelnden Bewegungen: „I am rooted but I flow“.
„Tanz im August“: Die Highlights

Ein Festival ist natürlich nichts ohne eine ordentliche Eröffnung. Hamburgs Sommertheaterfestival und auch das Festival d’Avignon eröffnen mit Marlene Monteiro Freitas und ihrem brandneuen „Nôt“ („Wir“) – lauter sich aneinanderreihende Geschichten wie aus 1001 Nacht. Nach Berlin kommt sie auch.
Aber die Eröffnung inszeniert Némo Flouret: einen Tanz vor der Explosion. Final zünden Feuerwerkskörper.
Die Welt steht in Flammen: Ricardo Carmona aber bemüht als Festivalmetapher lieber Erdplatten, deren Verschiebung sie so unaufhaltsam verändert, wie es das Klima tut, und die Kriege, die Yara Boustany in Beirut überlebt. Ihre Erfahrung dort übersetzt sie in „The Valley of Sleeep“ in puren Surrealismus.
Grenzen werden verschoben und aufgelöst, wie in Lia Rodrigues‘ „Borda“ aus Brasilien. Kriege flammen auch dort auf, wo man sie nicht vermutet, im Land der Amazigh, den Berbern in der Westsahara, das von Marokko beansprucht wird. Davon erzählt Radouan Mriziga in „Magec / the Desert“.
Schlechte Nachrichten? Dank Doomscrolling kann man nach ihnen süchtig sein. Moritz Ostruschnjak gibt mit der Kompanie von tanzmainz Einblick in diese Unsitte.

Und noch eine Unsitte wird mit viel Spaß enttarnt, dank der Isländerin Lovísa Ósk Gunnarsdóttir. Wenn Frauen zu Damen werden, dann in ihrer „sozialen Menopause“. Im Alter schwindet ihre Attraktivität für den Arbeitsmarkt. Also tanzen Berlinerinnen über vierzig bei „When the Bleeding Stops“: wütend, wild und gewaltig.
- Tanz im August Verschiedene Orte, 13.–30.8., Programm und Tickets hier
Nicht verpassen: Event-Highlights in Berlin im August 2025. Lieber nichts ausgeben? Gratis in Berlin im August 2025 – 12 Tipps. Was tut sich in der Kunst? Aktuelle Ausstellungen in Berlin im Überblick. Noch bis Mitte September läuft die 13. Berlin Biennale. Während „Tanz im August“ läuft, ist bei vielen Spielzeitpause. In unserer Rubrik für Theater und Bühne findet ihr aber immer heraus, was wann gespielt wird.

