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Tanzen ist das große ?Ding in Berlin

Tanzen ist das große ?Ding in Berlin

Lau senkt sich die Nacht über Berlin-Mitte. Wer auf der Höhe des Monbijou-Parks und der Museumsinsel an der Spree entlang spazieren geht, bekommt in diesen Tagen nicht nur einen sehenswerten, urbanen Sonnenuntergang geliefert. In der Luft schwingt auch eine Leichtigkeit, die Urlaubsstimmung aufkommen lässt. Schuld daran sind nicht nur das anhaltend schöne Wetter oder die Ausflugsdampfer, die hier in kurzen Abständen vorbeischippern. Auch das Geschehen an der Strandbar Mitte sorgt für die gute Atmosphäre: Umrahmt von einer Kette bunter Glühlampen drehen und schieben sich sommerlich gekleidete Pärchen versunken zu Tango-Rhythmen über die Open-Air-Tanzfläche.
Doch nicht nur an dieser zentralen Stelle offenbart sich während des Schönwettersommers 2014, nach welchen Rhythmen das Herz der Hauptstadt schlägt. Auch an anderen Orten, in den Freibädern Plötzen- oder Weißensee, im Hof der Kulturbrauerei oder gar auf dem Tempelhofer Feld, schwingen sich Menschen unter freiem Himmel zu Tango-, Salsa- oder Swing-Klängen. Es ist, als verschaffe sich eine Begeisterung Luft, die sonst in Clubs, in Fabriketagen oder patinierten Sälen alter Gaststätten vor sich hin dämmert.
Denn wer mitbekommen will, wie wichtig Tanzen als Freizeitbeschäftigung in Berlin längst ist, muss die Treffpunkte der unterschiedlichen, voneinander abgeschlossenen Tanz-Szenen kennen. Erst dann tun sich Welten auf. Die hauptstädtische Tango-argentino-Szene etwa soll laut Heidi Schumacher, Sprecherin der Berliner Sektion des Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverbandes (ADTV), nach der Tango-Szene in Buenos Aires die zweitgrößte der Welt sein. Und wer einmal zu Berliner Ballroom-Veranstaltungen geladen wurde, in denen das Tanzvolk stilecht im Retro-Look zu Swing und Charles­ton abhottet, der hat den Eindruck, ähnlich wie Gil Pender in Woody Allens „Midnight in Paris“ in ein unwirk­liches Paralleluniversum zu geraten.

Tanzen ist das große ?Ding in Berlin

Musste man zu Hippiezeiten lediglich ekstatisch mit den Armen und Haaren schwingen können, zu Punkzeiten nur ein paar kraftvolle Pogo-Hüpfer drauf­haben oder während der Techno-Ära allenfalls wild mit den Extremitäten zucken können, so wird in den aktuellen Berliner Tanz-Szenen deutlich mehr körperliche Koordination geboten. Dafür sorgen nicht nur die 17 dem Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband (ADTV) angeschlossenen Tanzschulen, die es in Berlin gibt, sondern auch die mindestens fünf Dutzend weiteren, unabhängigen Tanzausbildungsstätten, wie man sie unter ?www.tanzeninberlin.de, aber auch auf spezialisierten Salsa-, Tango- oder Swing-Webseiten findet.
Während es vor allem für die Hippie- und Punk-Generation noch als peinlich und spießig galt, sich um gekonnte Schrittfolgen, um gute Körperhaltung oder einen beeindruckenden Hüftschwung zu bemühen, steht tanzen können inzwischen deutlich weiter oben auf der Liste erwünschter Fähigkeiten. In virtuellen Zeiten mag es die Sehnsucht danach sein, sich wenigstens vorübergehend der ursprünglichsten und direktesten aller menschlichen Ausdrucksformen, des Tanzens, zu bedienen. So hat der britische Psychologe Peter Lovatt herausgefunden, dass Frauen tanzende Männer umso attraktiver fanden, je größer und variantenreicher ihre Bewegungen waren. Dass die gut und geschmeidig tanzenden Männer im Vergleich zu schlechter tanzenden Geschlechtsgenossen auch höhere Testosteronspiegel aufwiesen, hält der Wissenschaftler für keinen Zufall.

Text:
Eva Apraku

Fotos: Benjamin Pritzkuleit, Mathias Mülhöfer

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