Kultur

Teil 2: Bowies Berlin

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David Bowie in Berlin: Hauptstraße 155 in Schöneberg. Foto: Esther Friedman

Romy Haag selber ist zu dem Thema nicht zu sprechen. Derzeit sei ihr das „zu viel Hype“, lässt sie ausrichten. In ihrer Biografie von 1999 schrieb Haag im Kapitel „David und ich“: „David befand sich in einer androgynen Phase und sah in mir so etwas wie ein Spiegelbild.“ Tatsächlich gehört Haag, so zeigt sich jetzt, zu den wenigen Menschen, die Bowie in seiner Schöneberger Zeit tatsächlich privat kennenlernten und mit denen er eine wirkliche Beziehung aufbaute, die darüber hinaus ging, dem bescheidenen Superstar nur mal einen Drink zu servieren. Meist blieb Bowie in Begleitung seiner kleinen Gang: Coco Schwab, Iggy und dessen damaliger Freundin Esther Friedmann.

Die frühere Fotografin, die im vergangenen Jahr erstmals ihre Fotografien von Iggy Pop als Buch namens „The Passenger“ herausbrachte, erinnert sich an die Faszination der beiden Männer für das queere Leben in Berlin. „Für David und Iggy hatte diese Welt etwas Überwältigendes. Die beiden waren ja jung, jedenfalls keine gestandenen Männer. David kannte zwar New York und Paris, aber Berlin hatte etwas Eigenes und Neues.“

An Bowie hat Friedman, die heute in Frankfurt lebt und als Kunstberaterin tätig ist, angenehme Erinnerungen. „Supergroßzügig“ sei er gewesen, „neugierig“ und von einer aufrichtigen Begeisterungsfähigkeit für andere Menschen. „Er nannte Iggy und mich immer ‚George Burns and Gracie Allen of Punk‘, das war eine Hollywood-Fernsehsendung aus den Fünfzigern. Bei dem Paar passierte immer irgendwas, sie gerieten immer in trouble. Daran haben wir ihn erinnert!“, erzählt Friedman lachend mit von Zigarettenrauch eingedunkelter Stimme. „Wir haben die beiden, David und Coco, immer nur ‚the neighbors‘ genannt, so hatte es sich eingebürgert.“

David, der Nachbar

Auf bestimmte Partys seien Pop und Friedman erst einmal vorausgegangen. War die Sache cool, rief man von dort aus Bowie und Schwab an, und die beiden kamen nach. „Es war schon ein Riesenunterschied zwischen David und Iggy“, sagt sie. „David war ein Superstar, er war damals der Thin White Duke, das war seine Persona vor ‚Heroes‘. Von Iggy hatten nur Eingeweihte schon mal gehört, ich hatte damals auch keine Ahnung, wer die Stooges waren.“

Von Bowie sagt Friedman: „Er war überhaupt nicht abgehoben, und er hat uns den Unterschied nie spüren lassen. Für mich war er einfach ‚David, the neighbor'“. Bei aller Feierlaune waren die beiden Musiker nicht nur zum Spaß hier, fügt sie an. „Sie waren für die Musik hergekommen, beide wollten etwas erreichen. Und das haben sie auch diszipliniert umgesetzt.“ Herauskommen sollten bekanntlich ein paar der wichtigsten Platten der Rockgeschichte: „Low“ und „Heroes“ von Bowie und Iggy Pops „Lust For Life“ und zuvor „The Passenger“ mit dem größten Hit des Proto-Punks: Iggy Pops Hohelied aufs Umherfahren in der S-Bahn.

Wer heute auf Bowies Spuren wandeln will, findet eine Fülle an Stadtführungen, die genau darauf zugeschnitten sind. Zu den Pflichtstopps gehören neben dem Dschungel und den Hansa-Studios in der Köthener Straße natürlich auch das Haus in der Hauptstraße, das auch einen kleinen Auftritt in Bowies „Where are we now?“-Video hat.

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Hielte dort nicht ab und an ein Bus mit einer Traube Rock-Touristen, dann würde man dem Haus kaum einen Blick schenken, so schmucklos sieht es aus. Von Bowie-Huldigungen ist dort keine Spur, nicht mal Edding-Gekrakel а la I was here“ findet sich rund ums Klingelschild. Ein paar Meter weiter Richtung Kleistpark, im „Anderen Ufer“, das heute „Neues Ufer“ heißt, macht sich Kellner Sean denn auch nicht viel aus der Bowie-Nostalgie, die manchen Cafйbesucher umtreibt. Von einem alten transsexuellen Stammgast weiß er, dass Bowie oft hier war, „aber das hat damals niemanden interessiert“, sagt der 25-jährige Ire, der erst seit fünf Monaten hier arbeitet. Selbst ist er Künstler, Tänzer. „Was auch sonst!“, sagt Sean grinsend.

Im Laden spielt er dezente Clubtracks, die Kuchentheke ist mit einem Strauß mit Ostereiern dekoriert. Die Scheibe allerdings, das weiß er dann doch noch zu erzählen, die hat David Bowie höchstpersönlich gestiftet. Damals hatten auf Krawall gebürstete Männer die Frontscheibe des Cafйs eingeschlagen: ein Denkzettel aus der militanten Schwulenszene, denen der schöngeistige Lebensstil des „Anderen Ufer“ nicht passte. Bowie sei damals gerade auf dem Weg nach Hause gewesen. Als er das Trümmerfeld vor dem Stammladen sah und die weinenden Inhaber, habe er spontan die Kosten für den Glaser bezahlt.

Die Scheibe gehört somit zu den wenigen handfesten Dingen, die von Bowies Schöneberger Jahren geblieben sind – vielleicht ist sie sogar das einzige Relikt. Der Rest ist Legende.

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David Bowie Martin-Gropius-Bau,
Niederkirchnerstraße 7, Kreuzberg, tgl. 10 bis 20 Uhr, 20.5.–10.8. Der
320-seitige Ausstellungs­katalog ist bei Knesebeck erschienen und kostet
49,95 Euro 

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