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Teil 2: Die heimliche Sexwelle

pritzkuleit_3Echte Lust ist unbezahlbar

Aber warum versuchen Leute wie Bruno und Stephan eigentlich nicht, im vielfältigen Berliner Nachtleben – vielleicht im einschlägig bekannten KitKat-Club – eine Sexpartnerin abzuschleppen? Hat da nicht noch jeder Topf seinen Deckel gefunden? „Das ist völlig undenkbar! Zu öffentlich und zu peinlich“, sagt Stephan, der sich eher als schüchtern empfindet. Selbst das Date, das er mal mit einer verheirateten Frau über eine Casual-Dating-Facebook-App gehabt habe, sei letztlich nur deshalb in ihrem Bett geendet, weil sie die Initiative dazu ergriffen habe. Mit einer Prostituierten hingegen, auch das hat Stephan schon mal probiert, sei Sex viel zu geschäftsmäßig und die Leidenschaft zu vorgespielt. „Echte Lust ist unbezahlbar“, findet er.

Jana*, 30, würde ihm da sofort zustimmen. Die dunkelhaarige Biologin, die derzeit an ihrer Promotion arbeitet, verkörpert die typische, moderne, junge Frau aus Prenzlauer Berg: selbstbewusst, stilsicher und ein bisschen extravagant, wie das verschlungene Tattoo, das unter ihrem Ärmel hervorlugt, andeutet. Nachdem die jahrelange, enge Beziehung zu ihrem früheren Freund beendet war, hatte Jana erst mal keine Lust mehr auf eine feste Bindung. Wegen der Uni und dem Nebenjob auch gar keine Zeit dazu. Trotzdem trieb sie sich, sie war damals 26, „aus Neugier“, wie sie sagt, immer mal wieder auf Parship.de rum, einem der etablierten Partnerschafts-Portale. Ein paar der Männer traf sie auch und schlief mit zwei von ihnen. „Die Typen in meiner Altersklasse kann man eigentlich vergessen. Die haben so was Verzweifeltes, die suchen händeringend nach einer festen Freundin.“

1 Mrd. $ setzte der Pharma-Riese Pfizer 1999 mit seiner Potenzpille Viagra um. 2010 waren es – trotz ähnlicher Konkurrenzprodukte – bereits 1,9 Mrd. $

Irgendwie landete sie dann aber auch mal bei Poppen.de. Jana verdreht genervt die Augen, wenn sie den Namen der von drei Bielefelder Twen-Brüdern 2004 gegründeten Casual-Dating-Plattform ausspricht. „Das Design dieser Seite war damals ganz schlimm, total pornografisch.“ Umso mehr war Jana überrascht, „was es da für attraktive, nette Männer gibt, die auch in interessanten Berufen arbeiten“. Dass die meisten von ihnen in einer festen Beziehung oder gar verheiratet waren, kam Jana nur entgegen. Und auch, dass man bei Casual-Dating-Portalen vorher schon mal selektieren kann, was für einen Typ Mann und welche Art von Sex man sucht: „Denn wenn eine Frau sich tendenziell lieber unterwirft, ist es blöd, auf einen sexuell total passiven Typen zu treffen.“

Schutzraum Cyberspace
Einer der Gründe übrigens, warum Jana eher ungern in der freien Wildbahn des Berliner Clublebens jagt. Die Ausfallquote unter den One-Night-Stands, vor allem, wenn sie unter Alkoholeinfluss zustande gekommen sind, sei angesichts ihrer Zeitknappheit einfach zu hoch. Und wo bleibt die Liebe? „Es ist ein Mythos, dass Frauen nur feste Bindungen und Blümchensex suchen“, sagt Christiane Eichenberg, Professorin für Psychologie, die sich beruflich immer wieder mit „Romanzen und Sex im Cyberspace“ beschäftigt. Nicht die Sexualität der Menschen habe sich verändert, sei immer ausufernder und spezialisierter geworden. Vielmehr habe das Internet nur die Möglichkeiten vereinfacht, seine Vorlieben auch auszuleben. „Das kommt vor allem bislang sexuell marginalisierten Gruppen wie Schwulen, aber auch Frauen zugute.“

Sehr viel gezielter, als etwa bei Betriebsfesten, könne im Internet zur Verwirklichung sexueller Wünsche nach passenden Partnern gesucht werden. Außerdem sei der Cyberspace für Frauen auch ein Schutzraum: Auf Casual-Dating-Portalen könne frau nicht nur in Ruhe und ohne Angst vor moralischer Stigmatisierung oder physischen Übergriffen das Angebot sondieren. „Dirty-Talks in Chatrooms oder Web-Cam-Sex machen auch nicht schwanger oder verursachen Krankheiten.“ Dass heterosexuell orientierte Casual-Dating-Portale derzeit so boomen, sei allein den Frauen zuzuschreiben, bestätigt Richard Lemke, Dozent am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg Universität Mainz. „Sie sind das regulative Element“, hat der in den Bereichen Online-Dating und Internet-Sexualität tätige Forscher herausgefunden. „Wenn sich auf diesen Portalen erst mal eine nennenswerte Zahl attraktiver Frauen aufhält, dann kommen die Männer ganz von alleine.“ Wobei auf den Casual-Dating-Portalen ähnlich beiläufig wie auf Facebook gesurft würde. „Die User checken ihre Nachrichten, tauchen aber immer wieder in Chats ab, bei denen erotische Anzüglichkeiten den Alltag aufpeppen.“

Sex als Wirtschaftsmotor
Tatsächlich haben Frauen in diesen Dingen spätestens seit der Ausstrahlung der TV-Serie „Sex And The City“ ordentlich aufgeholt. So stammen nicht nur viele der literarischen Erotik-Bestseller der letzten Jahre – wie die Sado-Maso-Schmonzette „50 Shades of Grey“ – aus der Feder von Autorinnen. Sie richten sich auch hauptsächlich an Leserinnen. Den riesigen Bedarf an sexuellem Input hat man auch beim Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf festgestellt. Als das Unternehmen 2008 erstmals mit einem Erotik-Buch an den Start ging, war die Nachfrage groß. Mittlerweile machen erotische Romane und Sachbücher – die meisten von Frauen für Frauen geschrieben – rund ein Fünftel aller Titel aus.

Das freut vor allem die Sex-Toy-Branche, die nach „50 Shades of Grey“ kaum mit der Produktion von Liebeskugeln, plüschbesetzten Handschellen oder Peitschen hinterherkam. Praktisch dabei: Dank entsprechender Online-Stores muss niemand mehr die Schwelle stationärer Sex-Shops überqueren. Medizinisch anmutende Geräte wie Klitorispumpen, Anal-Stimulatoren oder Masturbatoren kommen nach ein paar Klicks neutral verpackt wie von alleine ins Haus geflattert.

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Für Ines*, 50, Krankenschwester, und Martin*, 56, Bauingenieur, wäre der Besuch eines Sex-Shops aber ohnehin kein Pro-blem. Seit sich die beiden vor fünf Jahren bei JoyClub.de kennen- und lieben gelernt haben, bildet das Casual-Dating-Portal eine Art Zentrum ihres Lebens. Auf den von der Plattform organisierten Events und Partys können sie sich nicht nur ungeniert zu ihrer Leidenschaft BDSM (= Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism) bekennen. Auch ihr privater Freundeskreis rekrutiert sich mittlerweile im Wesentlichen aus JoyClub-Mitgliedern. Martin: „Da ist ja alles dabei, vom Hartz-IV-Empfänger bis zu ganz hoch angesehenen Personen.“ Sehr praktisch sei aber auch, dass man sich auf der Plattform in Gruppen organisieren könne: „Da sind die Zeigefreudigen, die Fisting-Gruppen oder die Aquarianer.“ Die Aquarianer? Welche sexuelle Praktik ist denn damit verbunden? Martin winkt ab: „Gar keine. Das sind einfach nur Leute, die Fische und Aquarien mögen.“

Text: Eva Apraku

Fotos: Benjamin Pritzkuleit

*Namen von der Redaktion geändert

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