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Textilverwertungsbetriebe für Altkleider

Farblich kommt er meist türkis, lila, grau oder azurblau daher. Sein Schnitt ist weit, das Material aus glänzendem Nylon bestehend: der Ballonseidenanzug. Wer in diesen Tagen durch Berliner Vintage-Klamotten-Läden streift, muss sich auf ein Wiedersehen mit ihm gefasst machen. Bei Made in Berlin an der Friedrichstraße hängt eine ganze Kleiderstange voll mit diesen Anzügen. Und bei 44 Diamonds, einem Vintage-Laden in Neukölln, prangt ein Exemplar im Schaufenster. Womit es dieser Anzug wieder in sein früheres Hoheitsgebiet geschafft hat: Neukölln war mal Ballonseidenanzug-Hochburg.

Schlaghosen, Jacken mit ausladenden Schulterpolstern oder Haremshosen: Was eben noch hip war, hängt erst wie festgetackert im Kleiderschrank und wandert später oft in einen der vielen Textil-Sammelcontainer. „Die Menschen sind umweltbewusster geworden“, sagt Claudia Ehry, Pressesprecherin für TEXAID, einem deutschlandweit aktiven Textilsammelbetrieb mit Hauptsitz in der Schweiz. „Die möchten, dass ihre abgelegte Kleidung weiter verwertet und am liebsten auch noch weiter getragen wird.“

Ständig wechselnde Fashion-Trends, gepaart mit günstigen Endverbraucherpreisen für Neuware, sorgen für gigantische Mengen an Altkleidern. Zählte man im Fachverband Textilrecycling (FTR) des Bundesverbandes Sekundärrohstoffe und Entsorgung e. V. (bvse) im Jahr 2007 noch 750?000 Tonnen Alttextilien, die von den 130 dem bvse angeschlossenen Unternehmen in Deutschland gesammelt wurden, so wird laut Ilona Schäfer, Presse-Referentin des bvse, das aktuelle Alttextilien-Aufkommen auf etwa 1,2 Millionen Tonnen geschätzt.

Wer allerdings glaubt, die gesammelten Sachen würden von der Tonne schnurstracks gratis an Bedürftige geliefert, hängt weitgehend einer romantischen Wunschvorstellung nach. Nur zwei Prozent der Sammelware, so berichtet die Textil-Recycling-Firma Lorenz Wittmann GmbH – sie sammelt unter anderem als gebührenpflichtige Lizenznehmerin des Deutschen Roten Kreuzes –, gehen in Katastrophenlager und Kleiderkammern. ?45 Prozent dagegen landen im kommerziellen, meist außereuropäischen Second-Hand-Handel, der Rest wird zu Putzlappen oder Dämmstoffen weiterverarbeitet, ein kleiner Teil thermisch verwertet“, sprich: verbrannt.

Weltumspannender Handel

Die Verwertungswege der Wittmann GmbH repräsentieren recht typisch, wie zertifizierte Textilsammelbetriebe vorgehen. „Vier Prozent der gesammelten Kleidungsstücke gehen in hiesige Second-Hand-Shops“, sagt Leila Mesgarzadeh, Geschäftsführerin der Kleidermarkt-Kette, die Second-Hand-Läden in Hamburg und München, mit Colours, Garage und zwei Made-in-Berlin-Shops aber auch Filialen in Berlin betreibt. Kleidermarkt, nach eigenen Aussagen Deutschlands größter Vintage- und Second-Hand-Anbieter, gehört zur SOEX Group, ?einem in der Schweiz ansässigen Unternehmen mit Standorten und Beteiligungen in neun Ländern und 2?100 Mitarbeitern.

Mit seiner Größe, seinen Repräsentanzen in Europa, den USA und Asien sitzt SOEX in Sachen Vintage-Mode in der Pole-Position. „Amerikanische Sportbekleidung, Fan-Jacken der National Football League oder der National Basketball Association, wie sie in den 1990ern auch in Deutschland sehr beliebt waren, werden in Vintage-Läden gerade wieder stärker nachgefragt“, sagt Louisa Biermann, Inhaberin des 44 Diamonds in Neukölln. Für SOEX ist die Beschaffung dieser begehrten „Cremeware“ dank seiner US-Quellen kein Problem. Denn während eigentümerbetriebene Vintage-Läden wie 44 Diamonds in der Regel unabhängige Netzwerke zur Beschaffung ihrer Ware aufbauen und etwa mühevoll zusammengeklaubte Kommissionsware oder im Internet erstandene Einzelstücke anbieten, finden sich im Kleidermarkt-Flagship-Store Baseballjacken, 501er-Levi’s-Jeans oder Converse-Chucks gleich reihenweise.

Aufwendige Sortierung

Nach immerhin 350 Kriterien werden Alt-Textilien bei SOEX sortiert, wobei der Zustand, das Label und die Mode-Ära entscheidend sind. Denn was gestern noch in der Kiste für den Export gelandet wäre, mutiert im Zuge von Retro-Bewegungen plötzlich zur begehrten Ware für den heimischen Markt.

Weiterlesen: Second-Hand- und Vintage-Läden in Berlin  

Dass die übrig gebliebenen, noch tragfähigen Bekleidungsstücke der Textilverwerter dann vorwiegend auf Märkten in Afrika und Osteuropa landen, ist laut bvse-Pressefrau Ilona Schäfer dem riesigen Volumen der gesammelten Kleidung geschuldet: Es übersteigt den hiesigen Bedarf an Second-Hand-Ware um ein Vielfaches. Und das, obwohl nach Second-Hand-Kleidung auch hierzulande gerade eine beachtliche Nachfrage besteht.

Doch der westliche Käufer ist wählerisch. Zwar gibt es auch in der Bundesrepublik Menschen, die wegen ihres schmalen Budgets in den eher günstigen Second-Hand-Läden, wie etwa in den ReSales-Stores des Textilverwerters TEXAID oder den Filialen der Humana Second Hand Kleidung GmbH – einem Unternehmen der Humana Kleidersammlung GmbH –, ihren Grundbedarf an wärmender und schmückender Hülle decken. Sehr viele Kunden aber suchen in Second-Hand- und Vintage-Läden vor allem nach dem individuellen, trotzdem bezahlbaren Outfit, nach Stücken, die es nicht, nicht mehr oder noch nicht wieder bei Fashion-Anbietern wie H&M, Zara, Mango oder Zalando gibt. Ballonseidenanzüge jedenfalls sucht man bei Letzteren zurzeit noch vergeblich.

Text: Eva Apraku

Foto: Pillath Photo Passion

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