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Temporäres Urban-Art-Museum

The Haus – Berlin Art Bang

Schönheit vor dem Fall: In der Nürnberger Straße erblüht ein leeres Bankhaus zu einem Gesamtkunstwerk. Zwei Monate später wird alles ­vorbei sein – das Gebäude soll Eigentumswohnungen weichen

The Haus – Die weltweit größte Urban Art Galerie in Berlin

Orange, grün, schwarz, weiß und rot ­schillert eine riesige, abstrahierte Eule in einem schwarz gestrichenen Raum von der Größe eines Klassenzimmers. ­Dazwischen schweben hellgelbe Planeten. Die Installation des Künstlers Base 23 aus – unter anderem – besprühter Wellpappe belegt einen der rund 80 Räume von „The Haus – Berlin Art Bang“, einem temporären Urban-Art-Museum in einem ehemaligen, fünfstöckigen Bankgebäude in der Nürnberger Straße an der Grenze von Schöneberg und Charlottenburg.

Doch zu sagen, es würden hier ab Anfang April nur die einstigen Büroräume bespielt, wäre maßlose Untertreibung. Weder die Flure noch das Treppenhaus oder die Waschräume inklusive der Toiletten bleiben vom Gestaltungswillen der knapp 170 mitwirkenden Künstler verschont, davon die Hälfte aus Berlin, 30 Prozent aus anderen deutschen Städten und 20 Prozent aus Nationen wie Mexiko, Russland, Bulgarien oder den USA. Großflächige Ornamente im Op-Art-Stil werden Besucher aus ihrer Balance bringen. Rhythmisch gewebte Fäden sind kreuz und quer gespannt und erzeugen neue Dimensionen. Und verzerrte Comicfiguren recken sich Betrachtern vital entgegen.

Als die Kölner Firma Pandion, ein Immobilien­entwickler, für das von ihr erworbene Bankgebäude nach einer Zwischennutzung bis Juni suchte, dem Monat, ab dem das Haus abge­rissen werden soll, schwebten ihr eigentlich eher Pop-up-Stores vor, in denen Berliner Designer schicke Produkte an den Mann beziehungsweise die Frau bringen könnten. Doch Alexander Sascha Wolf vom Netzwerk AußerGewöhnlich Berlin brachte den Bauträger mit Die Dixons zusammen, einer dreiköpfigen Streetart-Crew aus Berlin, die zudem die auf Fassadengestaltung spezialisierte Kommunikationsagentur Xi-Design betreiben. Jörn „Jörni“ Reiners, 41, Marco „Bolle“ Bollenbach, 41, und Kimo von Rekowski, 31, sahen ihre Chance gekommen: Mitten in der Stadt wollten sie mit ihrem temporären Urban-Art-Museum eine Kunstform feiern, die wie keine andere die vergangenen Jahrzehnte der Hauptstadt geprägt hat.

Dass Mitte des Jahres  der Abriss des Hauses ansteht, um 75 Eigentumswohnungen Platz zu machen,  und das neu geschaffene Gesamtkunstwerk zu einem Schutthaufen zusammen fallen soll, deprimiert Die Dixons – zur Freude der Grundstückseigentümer – keineswegs. Es wird von ihnen als konsequent empfunden. „Streetart ist vergänglich“, sagt Kimo und spielt auf bunt besprühte U- und S-Bahnzüge an, die oft kurz nach ihrem ersten Auftauchen von Verkehrsbetrieben zur Reinigung abgezogen werden. Diese Konzentration auf den Moment wirft auch Fragen in Zeiten auf, in denen man dank digitaler Medien gleich­zeitig überall und nirgends sein kann. Kunstgenuss en passant soll es in The Haus jedoch nicht geben: Bei Betreten des Gebäudes müssen Kameras und Handys abgegeben werden, einzig die Erinnerung als „Aufnahmegerät“ ist erlaubt. Wer eine Gedächnisstütze braucht, kann „The Buch“ kaufen, eine gedruckte Dokumentation von The Haus. Das temporäre Urban-Art-Museum ist zwar ein – von Material-Sponsoren und Xi-Design gefördertes – eintrittfreies Non-Profit-Kunstprojekt, alle Künstler arbeiten ohne Honorar. Unkosten, etwa für Strom, müssen aber erwirtschaftet werden.

Alles nur Imagepolitur für eine Immobilienfirma? Oder doch optimal genutzte Chance, der Streetart eine noch nie dagewesene Plattform zu geben? Nach einem Besuch des umgestalteten Gebäudes dürfte die Antwort eindeutig ausfallen: „The Haus – Berlin Art Bang“ ist ein unvergleichliches Erlebnis. Wer nicht da gewesen ist, ist selber schuld.

The Haus – Berlin Art Bang Nürnberger Str. 68/69, Schöneberg, 2.4.-31.5.

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