Theater

„1.2.2.4.4 – eine Metapraxis“ im Radialsystem

Wie ein Orchester auf- und abtritt, ist in der klassischen Musik so ritualisiert, dass man beim Zuhören glatt vergessen könnte, dass Musiker auch einen Körper haben. Aus dieser langweiligen Choreographie der Auf- und Abtritte will das Solistenensemble Kaleidoskop ausscheren. Kaleidoskop hat sich seit seiner Gründung 2006 als einer der experimentierfreudigsten Klangkörper Berlins etabliert.  „Into the Dark“ wurden die Hörer im Funkhaus Nalepastraße geführt: ein Konzert in absoluter Dunkelheit, unter dem Motto: „Ich kann keine Musik mehr sehen“. Bei „Hardcore“ im Ballhaus Naunynstraße wurde die übliche Sitzhaltung umgekehrt: Die Musiker bewegten sich um das Publikum herum.

Mit „1.2.2.4.4 – eine Metapraxis“ im Radialsystem geht das Ensemble einen Schritt weiter. Es hat sich vom Regisseur Alexander Charim und der Bühnenbildnerin Aliйnor Dauchez inszenieren lassen. Das Leitmotiv des Abends ist ein Textfragment von Franz Kafka: „Es war eine kleine Gesellschaft im engen Zimmer am Abend beim Tee“. Die „kleine Gesellschaft“ im bürgerlichen Wohnzimmer bei der Kammermusikpflege bildet den Ausgangspunkt des szenischen Arrangements. Überflüssig zu erwähnen, dass es bei der bürgerlichen Ordnung nicht bleiben wird. Der bewusst kryptisch gewählte Titel des Abends kombiniert die Besetzungsstärke der Streicher (es spielen also ein Kontrabass, zwei Celli, zwei Bratschen und so weiter) mit dem Begriff der „Metapraxis“.

Dieser stammt von dem griechischen Philosophen und Komponisten Jani Christou, der in seinen letzten Werken zur Praxis des Musizierens eine „Metapraxis“ der Musiker-Aktivitäten hinzukomponierte. Bei seinem Stück „Praxis for 12“ versammeln sich die Musiker um ein Klavier und schreien Notennamen. Neben Christou und anderer Musik der Moderne wie einem Stück von La Monte Young mit dem vielversprechenden Titel „Poem for Chairs, Tables, Benches, etc.“ gibt es auch Werke der beiden Bach-Söhne Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel sowie von Purcell.

Text: Wolfgang Fuhrmann

1.2.2.4.4 – eine Metapraxis“ Radialsystem, Di 8., Mi 9.3., 20 Uhr

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