Theater

100° Berlin – Festival 2015

100°

Beim 100°-Festival haben Regisseure ihre ersten Arbeiten gezeigt, die später beachtliche Karrieren gemacht haben: Robert Borgmann, Das Helmi, machina eX, Boris Nikitin, Angela Schubert, Dries Verhoeven, Patrick Wengenroth waren bei diesem langen Wundertüten-Wochenende der freien Szene mit Performances im Stundentakt zu Gast. Allerdings ist beim seit 2004 vom HAU und den Sophiensжlen veranstalteten Festival die Durchfallquote mindestens so hoch wie die Anzahl der Hits. Schließlich darf hier jeder mitmachen. Damit ist natürlich dem Dilettantismus die Tür geöffnet.
Aenne Quiсones, Koleiterin des HAU, spricht realistisch von „einer Entdeckung für zwei Ausgaben“. Sie hält das lange Wochenende, das inzwischen auch vom Ballhaus Ost mitveranstaltet wird, in seiner bisherigen Form nicht mehr für sinnvoll. Die Szene habe sich in den vergangenen zehn Jahren nicht nur vergrößert, sondern auch professionalisiert. An neuen Orten wie dem Ballhaus oder in den Uferstudios findet gute Nachwuchsarbeit statt. Das sollte das Festival abbilden, findet Quinones – „vor allem in Hinblick auf die Qualität, nicht die Quantität“. Andernfalls erhärte man nur weiter das Vorurteil, „dass diejenigen, die in der freien Szene arbeiten, nicht gut genug sind fürs Stadttheater“.
In diesem Jahr wird das 100°-Festival daher zum letzten Mal in der bisherigen Gestalt über die Bühne gehen. Für 2016 überlegen die Macher, eine Art Performance Week oder Weekend zu etablieren – orientiert an der Art Week für die Bildende Kunst oder der Berlin Music Week. Die „Spitzenkräfte der freien Szene“ sollen einbezogen werden, zugleich will man die bisherige Offenheit beibehalten. Am Konzept wird noch gefeilt. Ziemlich gewiss ist, dass der LAFT Berlin, der Landesverband freie darstellende Künste, Veranstalter sein wird. Die Finanzierung wollen die 100°-Planer über Lotto-Mittel anschieben. Das Festival soll im Spätfrühling, nicht mehr im Winter stattfinden.
Bis es so weit ist, sind die 100°-Besucher noch mal als Talentscouts gefragt, die hinter enigmatischen Kurzbeschreibungen das Bahnbrechende zu wittern vermögen. Ein kurzer Blick auf ein paar der diesjährigen Performances im HAU: In „Follow the Plant Dying“ wird „eine Pflanze in eine existenzbedrohliche Situation versetzt und ihre Reaktion auf auditiver Ebene erfahrbar gemacht“. „Don’t Kill this Messenger!“ ist inspiriert von den letzten acht Liveminuten des 2013 geschlossenen griechischen Staatssenders ERT und „kombiniert Storytelling, Nachrichtenshow und Tanzperformance“. Und „A Place of Fantasy And Make-Believe“ verspricht „eine Auseinandersetzung mit Europa als Disneyland“. Also: letzte Chance fürs echte 100°-Grad-Gefühl!

Text: Patrick Wildermann

Foto: Joseph Campbell

100° Berlin – Das 12. lange Wochen-ende des freien Theaters, HAU, Sophiensжle, Ballhaus Ost, ?Do 26.2.–So 1.3., Vorstellungen im Stundentakt, Karten-Tel. (HAU) 25 90 04 27

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