Theater

100 Jahre Volksbühne

100 Jahre Volksbühne Revue

Zumindest die Kunst der lässigen Hinterhältigkeit beherrscht die Volksbühne immer noch bestens. Vielleicht war es ja nett gemeint, dass Kulturstaatssekretär Tim Renner bei der Premiere von Jürgen Kuttners Revue „Oh Volk, du obermieses“ einen Platz in der ersten Reihe bekam. So konnte ihm Kuttner für eine kleine Filmaufnahme ein Bilderbuch verkehrt herum in die Hand drücken. Im live gedrehten Film, eine Menschheitsgeschichte von der Antike bis zur Volksbühnen-Gegenwart, taucht Renner dann anschließend als der „Analphabet“ im Zuschauerraum auf. In Berlin muss man ja immer so deutlich werden.
Am Ende der Show, nach drei turbulenten Stunden, in denen die Volksbühne ihren 100. Geburtstag, die chinesische Kulturrevolution, Heiner Müllers „Herzstück“ und den traditionsbewusst per Video zugeschalteten Henry Hübchen feiert, bittet Jürgen Kuttner mit dem leicht ranzigen Charme eines in die Jahre gekommenen Kreuzfahrt-Animateuers noch einmal um „Applaus für die Volksbühne, Applaus bitte!“. Aus der Tiefe der Bühne kommt die Puppenspielerin Suse Wächter, sie hat sich einen riesigen Reifrock mit der Fassade der Volksbühne umgebunden. Der Keyboarder spielt leise die Melodie von „Danke …“ aus Marthalers „Murx“, ein Stück, das jeden Volksbühnen-Fan an das Theaterglück und die langen, tollen Nächte der frühen Castorf-Jahre wie an die beste Zeit der eigenen Jugend erinnert.

Endstation Rammstein?

Mit dieser schön sentimentalen Selbstfeier hätte der Abend für das in Ehren ergraute und gelegentlich etwas erschlaffte Theater zu Ende sein können. Aber dann fängt Suse Wächter an, sehr laut zu schreien. Kurz vorm Schlussapplaus haben die Wehen bei ihr eingesetzt. Unter ihrem Volksbühnen-Reifrock kommt ein monströs hässlicher Embryo hervorgekrabbelt. Man kann sich die Zukunft halt nicht immer aussuchen.
Aber die Volksbühne hat ein großes Herz für seltsame Mutanten, die Nabelschnur wird durchgeschnitten, Suse Wächter hält das scheußliche Baby im Arm, und das Kind fängt an zu singen. Erst leise, dann immer lauter, die Rockband setzt ein, das Monster-Baby aus der Zukunft grölt einen Rammstein-Song: „Wir wollen im Beifall untergehen.“ Die Entsorgung des Theaters in den Marktopportunismus als Showbühne – auch eine Möglichkeit für die Volksbühnen-Jahre nach 2016, dem möglichen Ende der ruhm- wie absturzreichen Castorf-Jahrzehnte.

Was kommt nach Castorf?

Der in Theaterdingen bedauernswert orientierungslose Tim Renner hat schon öffentlich darüber philosophiert, einer Band wie Rammstein (deren Karriere er selbst einst als Musikindustrie-Manager bei Universal betreuen durfte) die Volksbühne zu überlassen. Der Multifunktions-journalist Tobi Müller präsentierte vor Kurzem den originellen Vorschlag, aus der Volksbühne ein Pop-Theater zu machen. Mal abgesehen davon, dass sich so ziemlich jedes gutbürgerliche Stadttheater längst Pop-Spielwiesen leistet (eine beliebte Zuverdienstmöglichkeit für Musiker und Pop-Schreiber aller Art), kommt der Vorschlag etwa zwei Jahrzehnte zu spät – genau um die zwei Jahrzehnte, in denen Castorf und Co an der Volksbühne Theater und Subkultur kurzgeschlossen haben. Der hämische Rammstein-Mutanten-Auftritt dürfte klarmachen, was man an der Volksbühne von solchen Renner-Rammstein-Tobi-Planspielen hält: nichts.
Die Berliner Gerüchteküche meldet, dass man in der Kulturverwaltung angeblich darüber nachdenkt, der Volksbühne nach Vertragsende 2016 eine weitere Castorf-Spielzeit zu bescheren.
Castorf selbst würde seinen Intendanten-Vertrag wohl ganz gerne noch mal verlängern. 2017 wäre er dann ein Vierteljahrhundert Volks-bühnen-Chef und sein eigenes Denkmal, warum auch nicht. Der Mann war schon immer etwas maßlos. Auch bei seinen über fünf, sechs Stunden ausmäandernden Inszenierungen findet er kein Ende: Einer geht immer noch. Angesichts des Neo-Biedermeiers der meisten anderen großen Bühnen der Stadt (mit Ausnahme des HAU und des Gorki) wäre eine Castorf-Nachspielzeit nicht das Schlechteste, was dem Berliner Theater passieren könnte. Zumal der Bühne der gerne beschworenen Dauerkrise in letzter Zeit neben Komplett-Abstürzen („Kaputt“) auch wieder lauter erstaunliche Inszenierungen gelungen sind – von Castorfs „Solness“ über Polleschs „House for Sale“ bis zum rätselhaft schönen „Klang der Offenbarung des Göttlichen“.

„Die 100 peinlichsten Berliner!“

Das nahende Ende taucht die Jubiläums-Revue denn auch in leichte Melancholie. Gleich zum Einstieg singt der Chor der Werktätigen der Volksbühne eine furchtlos ins Deutsche geprügelte Fassung der Hippie-Hymne „Eve of Destruction“: „Schon morgen kann es geschehen und du bist am Ende.“ Aber bis es so weit ist, quasselt sich Kuttner als Gebrauchs-Showmaster ohne Angst vor Durchhängern durch den Abend, Sophie Rois rezitiert Heiner Müller, Margarita Breitkreiz amüsiert sich auf der Molotow-Cocktailparty, Ursula Karrusseit singt ein Brecht-Lied, die Puppenspielerin Suse Wächter lädt Hitler, Monroe und Brecht zum Volksbühnenjubiläum und Mex Schlüpfer zeigt einfach ins Publikum und ruft: „Die 100 peinlichsten Berliner!“

Text: Peter Laudenbach

Bild: Thomas Aurin

Ach Volk, Du Obermieses, Volksbühne, 31.12., 18 Uhr, 9.1., 21 Uhr

Happy Birthday, altes Haus – das Fest für alle, Volksbühne, 30.12., 19 Uhr, Karten-Tel. 24 06 57 77

 

100 Jahre Volksbühne

1914 Bau und Eröffnung der Volksbühne am Bülowplatz, finanziert aus Spenden der Besucherorganisation Freie Volksbühne – ein Theater der Arbeiterbewegung („Die Kunst dem Volke“). Das Haus ist das größte und modernste Theater Berlins

1915 – 1918 Max Reinhardt ist Intendant der Volksbühne

1924 – 1927 Der Kommunist und Avantgarde-Regisseur Erwin Piscator inszeniert an der Volksbühne aggressive Polit-Revuen und Agitprop-Stücke

1933 – 1945 Die Volksbühne untersteht Goebbels Propagandaministerium. Der Bülowplatz wird in Horst-Wessel-Platz umbenannt. Das Gebäude wird im Krieg schwer beschädigt

1945 Umbenennung des Platzes in Liebknecht-Platz, ab 1947 in Luxemburg-Platz

1952 – 1954 Wiederaufbau des Gebäudes – angeblich mit Marmor aus den Trümmern von Hitlers Reichskanzlei

1974 – 1977
Der Intendant Benno Besson macht mit seinen Inszenierungen aus dem Geist der Commedia dell’Arte die Volksbühne zu einem der ausstrahlungsstärksten europäischen Theater. In der Dramaturgie arbeitet Heiner Müller

Ab 1992 Der Intendant Frank Castorf sorgt mit Kartoffel-salat, Videos, Dostojewski und Rockmusik für jede Menge Aufregung. An der Volksbühne inszenieren unter anderem Christoph Schlingensief (der fordert: „Tötet Helmut Kohl!“), Christoph Marthaler, Gregor Gysi, Hans Kresnik, Dimiter Gottscheff, Renй Pollesch, der Extremist Vegard Vinge und der Dadaist Herbert Fritsch   

Text: Peter Laudenbach

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