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2. Fortsetzung: Matthias Lilienthals Intendanz am HAU endet 2012

OKADA_We_Are_The_Undamaged_Others_c_Nobutaka_SatoPRINZIP 3: GLOBALISIERUNG
Wer ins HAU geht, kann im Sitzen um die Welt reisen und Toshiki Okadas minimalistische Inszenierungen aus Tokio, Tanztheater aus Brasilien, das Theater des arabischen Frühlings oder Avis Hermanis Stücke aus Riga sehen. Aber anders als etwa die übersubventionierte „spielzeit europa“ funktioniert die Theater-Globalisierung am HAU nicht als reines Import-Geschäft. Rimini-Protokoll, von Anfang an fest ans HAU gebunden, produzieren vor Ort – etwa ihr Stück „Radio Muezzin“ mit vier Muezzins aus Kairo. „Call Cutta“, ein anderes Rimini-Projekt, spielte damit, dass die Globalisierung im Alltag angekommen ist. Man bekam ein Handy in die Hand gedrückt, aus dem eine freundliche Dame zu hören war, die einen auf verschlungenen Wegen durch Berlin führte und dabei gerne in einen offensiven Flirt verfiel. Sie saß in einem Call-Center in Indien. Waren die 90er-Jahre an der Volksbühne geprägt von den Ost-West-Reibungen als Großthema, war es in den Nuller-Jahren am HAU die Globalisierung in allen Facetten. „Berlin ist 2012 eine total andere Stadt als 2003, als ich hier angefangen habe. Die Stadt ist internationaler geworden, nicht nur durch die Easy-Jet-Touristen, die jedes Wochenende einfallen. Ich finde, dass wir im HAU viel virtuoser als früher mit unterschiedlichen Medien, Sprachen und Kulturen jonglieren“, sagt Lilienthal. „Es ist mir extrem wichtig, den Begriff der Globalisierung nicht nur den Investmentbankern zu überlassen. Es macht mir Spaß, wenn wir im Mai eine mexikanische Produktion zeigen, die sicher auch von Rimini Protokoll beeinflusst ist, aber dann ganz andere Geschichten erzählt.“

Vor allem aber nimmt Lilienthal ernst, dass das HAU in Kreuzberg steht, also einer nicht so sehr deutschen Gegend. „Ein Schlüsselerlebnis war, dass ich im alten Hebbel Theater bei einem Festival eine Theatervorstellung aus Ankara gesehen habe und die türkisch-migrantische Bevölkerung aus Kreuzberg im Zuschauerraum schlicht nicht vorkam“, erinnert sich der HAU-Chef. „Ich dachte, damit muss man doch irgendwas machen. Dann geht man so Stück für Stück den Weg.“ Lilienthal fing an, systematisch Kontakte in die türkische Community aufzubauen und deutsch-türkische Filmemacher wie Tamer Yigit oder Neco Celik ins HAU einzuladen. Wie er früher, noch vor der Volksbühne, in Basel einen unbekannten Theatermusiker namens Christoph Marthaler bei den ersten Regie-Projekten begleitete, wie er an der Volksbühne einen nur Eingeweihten bekannten Underground-Filmer namens Christoph Schlingensief ans Theater holte (was zunächst weder beim Theater noch bei Schlingensief auf Gegenliebe stieß), arbeitete er jetzt daran, dass Kreuzberger Undergroundfilmer „mit Migrationshintergrund“ das fremde, seltsame Medium Theater für sich entdeckten. Was neben unvermeidlichen Komplettabstürzen auch zu so klugen, tollen, eigensinnigen Produktionen wie Celiks „Schwarze Jungfrauen“ oder Tamer Yigits „Warngedicht“ führte. Der kleine Boom des postmigrantischen Theaters, der im vergangenen Jahr durchs Feuilleton und durchs Theatertreffen wehte, fing 2003 im HAU an. Seitdem interessiert sich Lilienthal für all die postmigrantischen Pa­rallelwelten in der Stadt – zum Beispiel für den vietnamesischen Großmarkt in Lichtenberg und vietnamesische Vertragsarbeiter in der DDR, denen das HAU das „Dong Xuan Festival“ widmete.

ConstanzaMacras_hellonearth_c_Thomas_AurinAm vitalsten, auch lustigsten prallen verschiedene Lebenswelten in den Tanzstücken von Constanza Macras aufeinander – etwa wenn in „Scratch Neukölln“ arabische Jungmachos aus Neukölln mit sehr schwulen Tänzern aus Israel auf der Bühne stehen. Oder wenn in „Hell on Earth“ die elfjährige Fatma aus Neukölln, streng gläubig und mit Kopftuch, sagt, der Libanon sei sehr schön, aber Deutschland sei schöner, und sie will mal Familienrichterin werden – ein schönes, völlig unlarmoyantes postmigrantisches Identitätspatchwork. Im HAU konnte man immer wieder in diese fremden Welten gleich nebenan blicken, die man ohne die Theateraufführungen vermutlich nie kennen gelernt hätte. Im HAU fühlte sich das Berliner Durch- und Nebeneinander der Lebensstile, Kulturen, Biografien, Identitätskonstruktionen plötzlich sehr bunt, spannend und lebendig an, auch das macht dieses Theater so ausgesprochen menschenfreundlich. Im nicht immer unanstrengenden Aufeinanderprallen der Fremdheiten ist das schlicht ein bisschen ehrlicher, als wenn etwa am Deutschen Theater ein Dramatiker ein Stück über die Globalisierung zeigt, in dem ausgedachte Stewardessen auf ausgedachte Chinesen ohne Arbeitserlaubnis treffen – so erfährt man höchstens, was sich ein deutscher Dramatiker so unter Globalisierung vorstellt.

PRINZIP 4: STADTTHEATER
Immer wieder war das HAU auch ein Ort, an dem man etwas lernen konnte – zum Beispiel in Hans-Werner Kroesingers akribisch recherchierten Dokumentarstücken oder bei  den Stücken von Rimini Protokoll. Man konnte etwas über die eigenen Erwachsenenleben-Deformationen erfahren, wenn in Gob Squads tollem Stück „Before your very eyes“ Kinder hinter einer Glaswand das kommende Leben zwischen Scheidung, Partylangeweile und Burn-out im Schnelldurchlauf durchspielten. Man konnte die eigene Stadt neu kennenlernen, weil das HAU die Stadt selbst gerne zur Bühne machte – Lilienthal nennt das seine „hysterische Sehnsucht nach Realität.“ Das HAU ist das innovativste Theater Deutschlands, das in immer neuen Anläufen Wirklichkeit und Kunst kurzschließt und die Möglichkeiten dessen, was Theater sein kann, durchspielt.
Gleichzeitig macht das HAU etwas vorbildlich Wertkonservatives: Es macht im besten Sinne Stadttheater – Theater für eine Stadt. „In diesem Sinn ist das HAU das konservativste Stadttheater Berlins“, sagt Lilienthal süffisant. Nur mit der kleinen, entscheidenden Akzent-Verschiebung, dass die HAU-Macher ernst nehmen, dass diese Stadt nicht nur aus deutschen Bildungsbürgern mit abgeschlossenem Hochschulstudium besteht. Da ist es nur konsequent, dass Lilienthals Nachfolgerin, die im ersten Gespräch schon mal extrem sympathische Belgierin Annemie Vanackere, für eine weitere Internationalisierung des HAUs steht. Derzeit sucht sie noch eine Wohnung in Berlin. Und dann geht in der nächsten Spielzeit das Abenteuer HAU unter neuer Leitung in die nächste Runde. 

Text: Peter Laudenbach
Fotos: David von Becker, Doro Tuch, Thomas Aurin, David Baltzer/bildbuehne, Nobutaka Sato

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