Theater

„2.repulsion“ und „3.isolation“ im Hau 2

2repulsion3isolationHiroaki Umeda lässt die Köpfe rollen. Nur beim Zuschauen wird einem schon schwindelig. „Noch mal“, ruft er energisch und abgehackt. So, als befände man sich nicht im Probenraum des HAU 3, sondern in einer Samuraischule. Und die drei Balletttänzerinnen, die vor Umeda stehen, drehen und drehen ihre Köpfe immer weiter. „3.isolation“ heißt das Stück, an dem sie hier experimentieren und das beim „Tanz im August“ im HAU uraufgeführt werden wird, zusammen mit Umedas letzter Arbeit „2.repulsion“. Die nächsten zehn Jahre, so hat der 33-jährige Japaner vor einer Weile angekündigt, werde er in seinen Arbeiten die Möglichkeiten des Körpers untersuchen. Nicht zuletzt, wie er vor den Proben mit einem schiefen Lächeln erklärt hat, weil er selbst so wenig über Tanz wisse. Hiroaki Umeda ist ein Solitär in der zeitgenössischen Tanzszene. Seine Stücke sind regelmäßig auf den großen Festivals zu sehen, aber eine professionelle Ausbildung hat er nie genossen. Eigentlich wollte er wie sein Vater Fotograf werden. Während des Studiums wurde ihm klar, dass das nichts für ihn ist. „Als Fotograf befindet man sich immer außerhalb der Situation, die man ablichtet“, sagt er. „Aber ich wollte lieber in der Situation sein, in Echtzeit.“ Also hat er sich umgeschaut, was in anderen Kunstformen möglich ist – und der Tanz erschien ihm ein geeignetes Mittel. Bis dahin hatte Umeda nur Fußball gespielt, jetzt besuchte er ein knappes Jahr Workshops in Modern Dance und HipHop, langweilte sich wieder sehr schnell und arbeitete fortan lieber in seinem Zimmer. Auch, wie er sagt, weil das die billigste Variante war.

Allein zu Hause mit sich und seinem Laptop entwickelte Umeda Tänze, die tatsächlich so etwas waren wie Fotografien in Echtzeit. Zerkrisselte Lichtgewitter, die den Körper verschlingen, ausspeien, atomisieren. Dazu ohrenbetäubender elektronischer Krach. Ein Schock auf allen Ebenen. „While going to a condition“ hieß Umedas erstes großes Solo, das er 2002 bei einem Wettbewerb für junge Choreografen in Tokio zeigte. Dort sah es ein französischer Kurator und lud ihn nach Paris. Das Gastspiel in Frankreich war das erste Mal, dass Umeda mit Tanzen Geld verdiente. Man kann nicht sagen, dass es dann gleich Schlag auf Schlag ging. Aber inzwischen ist Umeda so etwas wie ein Star, der auf der Bühne seltsame, undefinierbare Konstrukte erschafft. Ein Choreograf und Tänzer, Sound-, Bild- und Lichtdesigner in Personalunion, der sich viele merkwürdige Experimente erlauben darf. Wie die mit den Balletttänzerinnen, die so tapfer ihre Köpfe drehen. Er wolle eine Art mentalen Kurzschluss herbeiführen, hatte Umeda vorher erklärt. „Ich versuche nicht die klassische Technik der Tänzer zu verändern, die hat sich restlos in ihre Körper eingeschrieben. Aber ich füttere sie mit meinem Bewegungsstil, der nicht so rational ist und in dem sich Bewegungen wie von selbst aus Entspannung und aus Gewichtsverlagerungen ergeben.“ Was daraus entstehen soll, ist eine Art Kollision, wie sie Umeda zuvor in seinen Soli zwischen den Lichtchoreografien und seinem Körper unternommen hat. „Ich möchte ihr Bewusstsein für den Tanz verändern, und dann können sie wieder ihre eigene Technik auf diese Basis stellen“, sagt der Choreograf. Und dass das sehr schwer sei und er sich über die Resultate, die das zeitigen wird, auch noch nicht im Klaren sei. Nur der Aufführungstermin, der steht schon fest. Wenn alles gut geht, dann wird man etwas zu sehen bekommen, das gleichzeitig vertraut und sehr fremd erscheint. Einen Tanz wie von Aliens – vielleicht.

Text: Michaela Schlagenwerth

2.repulsion & 3.isolation HAU 2, So 14.8., 21 Uhr, Mo 25.8., 20 Uhr, Karten-Tel. 25 90 04 27 oder 24 74 98 80

Übersicht: „Tanz im August 2011“

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