Theater

2 Teil: Tschechows „Der Kirschgarten“

kirschgartentip: Also keine Dompteur-und-Drill-Regie?

Krуl: Nein, genau das Gegenteil davon! Am Anfang war ich etwas verwirrt, wenn Thorsten Lensing auf eine Frage von mir zu einer bestimmten Situation meiner Figur als Antwort sagte: Weiß ich doch nicht, mach was! Eigentlich ist das die beste Antwort, die ein Regisseur einem Schauspieler geben kann. Das ist das, was Devid eben über unsere Eigenverantwortung gesagt hat. Natürlich wissen die Regisseure, was sie wollen, natürlich kann man sich mit ihnen über das Stück und die Figuren unterhalten. Wir werden auch kritisiert, sie schauen bei den Proben schon genau hin. Aber wir werden nicht in eine fertige Form, in ein starres Korsett gepresst. Ich bin hier für meinen Spaß persönlich verantwortlich.
Lardi: Ich glaube, für die Regisseure ist am Ende nur die Frage wichtig, ob es lebt oder nicht. Um nichts anderes geht es.
Krуl: Ein Kernsatz der Regisseure war: Solange wir uns beim Zusehen nicht langweilen, habt Ihr nicht alles falsch gemacht.
Lardi: Natürlich gehen wir bei den Proben erst auf die Bühne, wenn’s nicht mehr anders geht. So lange bleiben wir sitzen und lesen. Und dann werden die Akte am Stück durchgespielt, es gibt überhaupt kein Gefummel. Die Feinarbeit ist, dass die Situation, in der deine Figur ist, klar ist. Es gibt fast nur Durchläufe …
Striesow: … und inhaltliche Gespräche.
Lardi: Genau.
Krуl: Die Arbeit an der Inszenierung fängt ja für diese Regisseure, wie ich jetzt erfahren habe, schon damit an, dass sie sich sehr früh sehr genau überlegen, welche Menschen, die dann wochenlang eng miteinander arbeiten, sie da zusammenbringen. Was für Persönlichkeiten sind das, welche Chemie entsteht zwischen denen? Devid und Ursina zum Beispiel kenne ich vom Drehen, sicher haben die Regisseure, bevor sie mich gefragt haben, mit ihnen über mich geredet. Ich freue mich wirklich auf jede Probe. Wir proben in den Uferstudios, die man in diesem Interview auf jeden  Fall als großartigen Probenort erwähnen sollte. Da gibt es ein kleines Restaurant. Manchmal sitzen wir da schon eine Stunde vor den Proben zusammen, einfach weil es sich so ergibt und wir das wollen. Das gibt es auch nicht so oft. Bei Produktionen, die weniger glücklich laufen, kommt man pünktlich und geht wieder pünktlich.
Lardi: Das stimmt. Genau darauf, dass so etwas entstehen kann, verwenden die Regisseure die allergrößte Sorgfalt. Das klingt so selbstverständlich, aber das ist es nicht. Wenn Sie so wollen, ist genau das das „Konzept“ – und nicht irgendwelche Eingriffe in den Stücktext. Wir spielen, genau wie bei „Onkel Wanja“, den kompletten, ungestrichenen Text. Es ist wirklich kein Satz gestrichen.
Krуl: Und wenn da als Regieanweisung steht: „seufzt“, dann seufzt der gute Mann an der Stelle auch. Es ist verblüffend, wie genau und stimmig da Tschechows Partitur ist.
Lardi: Wir halten uns genau an diese Partitur, aber wie wir dann, wenn Tschechow als Regieanweisung „küssen“ schreibt, diese Person küssen oder wie wir seufzen, das ist völlig uns überlassen. Das ist bei aller Genauigkeit auch eine große Freiheit.
Striesow: Diese Genauigkeit hat nichts Einengendes, im Gegenteil. Sie hilft uns in der Umsetzung, sie hilft uns, uns in die Situation zu versetzen. Das ist wie ein sehr gut gebautes Gerüst. Das ist eigentlich der schönste Zustand, wenn man sich sicher fühlt als Schauspieler und auf dieser Partitur musizieren kann, aber die Dynamik, die Nuancen selber bestimmt.

tip: Ist das, in der Kombination aus Eigenverantwortung, Freiheit und Genauigkeit, ein bisschen das Gegenteil großer Filmproduktionen, bei denen Sie vermutlich nicht ganz so große Freiheitsgrade haben wie hier?
Krуl: Wir wollen das eine Medium nicht gegen das andere ausspielen, ich muss auch sagen, dass ich gerne drehe. Aber irgendein berühmter Schauspieler hat mal in einem Interview gesagt: Film ist für Regisseure, Theater ist für Schauspieler. Da ist vielleicht was dran. Den Luxus und das Vergnügen, hier mitzuspielen, habe ich mir selbst zum Jahresende geschenkt. Ich habe dieses Jahr sehr viel gearbeitet, das hat sich so ergeben. Ich habe drei Filme in einem Jahr gedreht, darunter eine große Kinoproduktion. So viel habe ich eigentlich noch nie am Stück gedreht.

tip: Sie hätten sich ja auch vier Wochen Urlaub an irgendeinem schönen Strand gönnen können. Weshalb arbeiten Sie stattdessen nach einem anstrengenden Jahr noch mehr und spielen hier Theater?
Krуl: Das war genau die richtige Entscheidung. Ich merke jetzt einfach, wie gut mir die Theaterarbeit mit diesen Leuten tut. Die Freiheit, die wir von den Regisseuren bekommen, ist für mich wirklich ein Geschenk.
Striesow: Wenn man sehr viel dreht, gewöhnt man sich als Schauspieler auch an Automatismen, zum Beispiel an einen Tagesablauf, der damit beginnt, dass der Fahrer kommt, damit man pünktlich am Set ist. Man muss gut funktionieren in diesen großen, anspruchsvollen Apparaten. Das ist auch völlig okay. Aber was wir hier machen, ist das Gegenteil davon. Ich komme jeden Tag zu dieser schönen Probebühne, dann geht die Tür auf, man sieht einander und fängt an, sich wohlzufühlen.
Krуl: Für mich kann ich sagen, dass ich in den letzten Jahren regelrecht nach der Möglichkeit gesucht habe, wieder Theater zu spielen. Ich kenne Kollegen, die sehr gut im Filmgeschäft etabliert sind, die machen zwischen den Filmen Workshops oder irgendwelche freien Theaterprojekte. Das ist einfach gut für die schauspielerische Hygiene. Und Theater ist physischer als Film, man kann größer spielen. Bei den ersten Proben habe ich gemerkt, dass ich noch kein Gefühl für den Raum habe, ich klebte an den Dialogpartnern. Da sagt der Regisseur völlig zu Recht: Guck mal, hinter dir ist auch noch Platz. Für mich kommt bei dieser Arbeit noch etwas anderes hinzu. Ich bin ja kein Theater-Routinier …

tip: … na ja, Sie haben an großen Häusern gespielt.
Krуl: Ja, aber nicht besonders lange, das ist überschaubar. Also, gerade weil ich kein Theater-Routinier bin, ist es hier für mich so wohltuend, dass die Arbeit ausgesprochen angstfrei ist, was man bitte nicht mit gemütlich verwechseln sollte. Wir konkurrieren nicht miteinander, wir müssen nichts beweisen, es gibt kein Misstrauen, kein Prüfungsgefühl. Wenn ich das Gefühl habe, ich bin heute gescheitert, mir ist etwas nicht gelungen, dann verantworte ich das vor mir selbst und nicht vor den Regisseuren, die mich dann irgendwie abstrafen würden. Arbeiten unter Angst und Misstrauen, das ist so lächerlich. Wenn ich Schauspieler unterrichten würde, würde ich genau da ansetzen: Angstfreiheit. Da sind wir alle früher durch unglaubliche Katastrophen gegangen. Daran können auch Schauspielerbiografien zerbrechen. Und hier erlebe ich durchgängig genau das Gegenteil davon.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: David Baltzer / bildbuehne.de

Der Kirschgarten Sophiensaele, Fr 9.?–? So 11.12., Fr 16.?–?So 18.12, 20 Uhr, Karten-Tel. 283 52 66

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