Festival

26. Tanztage Berlin

Bei den 26. Tanztagen Berlin befragt der choreografische Nachwuchs unser Heute und Gestern multidisziplinär. Mit dabei sind auch Tanzschaffende aus einem Land, in dem Tanzen verboten ist 

Foto: Miram Kongstad

Beine, die aus Diskokugeln heraus in alle Richtungen wachsen. Charmant verpackt, offenbart das Festivalmotiv der diesjährigen Tanztage Berlin eine Menge Programmatik: Einblick in die performative Spannbreite geben zu wollen, in der sich der choreografische Nachwuchs aktuell tummelt.
Schon der Eröffnungsabend des elftägigen Festivalmarathons verspricht einen wilden thematischen Ritt. In „Shade“ führen Tarren Johnson und Mira O‘Brien in eine begehbare Installation aus dem Zusammenspiel von choreografierten Alltagsbewegungen, gesungenen Jingles und Skulpturen aus Glasfenstern. Gewollter ­Effekt des Blickes durch getönte Scheiben auf das Performertrio: Reflexionen über Privatheit und Überwachung in Gang zu setzen.
Nicht weniger als eine Kampfansage an die Realität will „What a thought is not“ von Maria Walser sein. Bisher war sie tänzerisch vor allem in Stücken von Sergiu Matis und MS Schrittmacher zu erleben. Ihre erste eigene Choreografie legt es auf absurd-komische Verdrehungen von Logik an, wenn die Thesen des radikalen Denkens von Jean Baudrillard einem Schleudergang unterzogen werden. Marquet K. Lee schließlich möchte unsere Aufmerksamkeit noch auf unwillkürliche Bewegungen wie Blinzeln lenken und verpackt das Ganze dafür in eine kleine Narration.
Dass die Produktions- und Präsentationsbedingungen in der freien Tanzszene prekär sind, ist kein Geheimnis. Deshalb sind die Tanztage Berlin – nun schon seit 21 Jahren – eine hochgeschätzte Plattform für jene, die erste choreografische Schritte gehen. 120 Bewerbungen hat Anna Mülter, seit 2015 die künstlerische Leiterin des Festivals, gesichtet und daraus ein Programm aus acht Premieren und vier Wiederaufnahmen gestrickt.

Ihr kuratorisches Credo: Inhaltliche Eingrenzungen vorab gibt es nicht. „Ich will die sehr unterschiedlichen Arbeiten keinem Themendiktat unterwerfen“, betont Mülter. Einige Anker hat sie dennoch im Programm ausgeworfen, „Documentary Dance“ ist einer davon. Während Thea­terkollektive wie Rimini Protokoll in den letzten 15 Jahren intensiv die Grenze zwischen Realität und Fik­tion dehnten, greift kaum jemand in der Tanzszene zum ­Besteck der Dokumentarverfahren. Mülter, die zuvor neun Jahre in der Ära von Matthias Lilienthal am HAU gearbeitet hat, will hier sanften Anschub leisten. Es sei der Versuch, die jungen Choreografinnen und Choreografen stärker zu motivieren, sich nicht nur mit formalen Fragestellungen oder mit einem inneren Kosmos auseinanderzusetzen – „sondern den Blick nach außen zu richten und sich Themen aus der Realität zu suchen“, so Mülter.

Herausgekommen sind vier Skizzen, umgesetzt als 15-minütige Soli, die mit verschiedenen dokumentarischen Arbeitsweisen spielen. Wie etwa Magda Korsinsky von der Tanzausbildungsschmiede HZT Berlin, die in „Stricken“ nach Mechanismen der Weitergabe von Gesten und Überzeugungen fragt. Der Aufhänger der Performance: Interviews mit afrodeutschen Frauen über deren Großmütter während der NS-Zeit in Deutschland.
Ohne Zweifel ein Höhepunkt im Programm: „Around the world“, der alljährliche Austausch mit einer außereuropäischen Tanzszene, den Anna Mülter ebenfalls fest im Programm etabliert hat. Nachdem die letzten beiden Ausgaben die Fühler zu Tanzplattformen in Mexiko und Sri Lanka ausgestreckt hatten, gibt es dieses Mal die seltene Gelegenheit, Tanzschaffende aus dem Iran zu erleben.

Dank der Mithilfe des Goethe-Instituts ließ sich ein Kontakt zum Invisible Center of Contemporary Dance knüpfen. Von Mohammad Abbasi 2010 gegründet, bietet es dem im Iran offiziell verbotenen zeitgenössischen Tanz eine Plattform. Unter den vier Arbeiten, die in Berlin zu sehen sein werden, ist auch „Farci.e“ von Sorour Darabi. Der Ausgangspunkt ist ein linguistischer: Die Sprache Farsi kennt kein grammatisches Geschlecht. Darabi, selbst fluide mit männlicher und weiblicher Identität umgehend, lässt in das starke Solo soziokulturelle Genderfragen hineinhallen.
Wer neben den Performances weitere Impressionen der iranischen Tanzszene einfangen möchte, dem sei die Fotopräsentation von Mehrdad Motejalli empfohlen, der sechs Jahre lang das Untimely Festival Teheran dokumentierte.
Die Berliner Choreografie-Newcomer stehen in den Startlöchern: 22 Veranstaltungen an elf Tagen, darunter eine vertanzte Kulturgeschichte der Jeans von Miriam Kongstad sowie der Vulva Club des feministischen Kollektivs female trouble, Feedbackformate fürs Publikum, die legendären Tanztage-Partys und noch vieles mehr.

Eine wahre Requisitenschlacht wartet dann noch am Ende des Festivals: das Vampirstück „The sleep of reason“ von Cécile Bally. „Ich habe den Eindruck, dass die Lust an der Theatralität im Tanz zurückkommt“, freut sich Mülter über das Stück, das keine Scheu vor Effekten und einem Schuss Trash hat. So viel steht auch 2017 fest: Die Tanztage sind immer für Überraschungen gut.

Sophiensaele Do 5.–So 15.1., Eintritt 14€, erm. 9 €, Partys und Let‘s talk about dance: Eintritt frei

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