Theater

3 Jahre Radialsystem

RadialsystemAls das Radialsystem an der Spree vor genau drei Jahren mit einer großen Party und einer das gesamte Gebäude bespielenden Inszenierung von Sasha Waltz eröffnet wurde, war das entschieden mehr als einfach die Einweihung einer neuen Theater-, Konzert- und Tanzspielstätte. Auch wenn die beiden Initiatoren und Geschäftsführer, Jochen Sandig und Folkert Uhde, nicht müde wurden zu betonen, das Gebäude, ein modern und sehr elegant umgebautes Pumpwerk aus dem 19. Jahrhundert, sei der eigentliche Star, war von Anfang an klar, dass die beiden Gründer das Radialsys­tem nicht nur als chice Kultur-Immobilie bespielen wollten.

Das Radialsystem wurde zügig zur Operationsbasis für die unterschiedlichsten Aktivitäten ­– von Sasha Waltz’ grandioser Inszenierung im noch leeren Neuen Museum, bei der die gesamte Infrastruktur, Technik, Ticketverkauf und Catering vom Radialsystem aus organisiert wurden, bis zum Independent-Musikfestival „all2gethernow„, einer gemeinsamen Idee von Sandig, Uhde und Tim Renner. Die Fähigkeit zur Vernetzung, die zu immer neuen Ideen und Projekten führt, ist typisch für Uhdes und Sandigs höchst produktive und flexible Arbeitsweise. Ganz nebenbei haben sie im Radialsystem neue Konzertformate entwickelt, Barockmusik mit Elektronik kombiniert, Hochkultur mit freier Szene kurzgeschlossen und von Adam Green bis zum Ensemble Modern, von Gonzales bis zu Christine Schäfer, von Jimi Tenor bis zu Meg Stuart und William Forsythe jede Menge Hochkaräter zu Gast gehabt. Die finanziell ungleich besser ausgestatteten Berliner Festspiele beispielsweise sehen neben dieser Bilanz eher blass und verschlafen aus.

Jochen_Sandig_und_Volker_UhdeUhde und Sandig haben mit dem Radialsystem viel bewegt. Gleichzeitig war ihr Unternehmen von Anfang an ein Abenteuer mit offenem Ausgang. In das Gebäude hat ein privater Investor 10 Millionen Euro gesteckt, und die will er im Lauf der Jahre auch wieder einnehmen. Die Radialsystem-Betreiber zahlen für die gut 3000 Quadratmeter ortsübliche Mieten. Die Mitarbeiter, derzeit 21 sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen, werden fair bezahlt, schließlich ist das Radialsystem kein Praktikantenladen, sondern ein professionell gemanagtes Kulturunternehmen. Finanziert wird das alles nicht durch Subventionen, die Sandig und Uhde bisher für ihre Spielstätte nicht kriegen, sondern über Mieteinnahmen, Gas­tronomie und Ticketverkauf. Ein Gehalt zahlen sich die beiden Geschäftsführer bis heute nicht aus. Und weil sie als persönlich haftende Gesellschafter mit ihrem (nicht vorhandenen) Privatvermögen geradestehen, wenn das Radialsystem kollabieren sollte, hatten sie die Privatinsolvenz als Restrisiko in den letzten Jahren immer deutlich vor Augen.

Dieses Jahr werden sie in ihrer Bilanz bei einem Umsatz von 2,6 Millionen Euro zum ersten Mal eine schwarze Null schreiben. Bisher haben sie seit der Eröffnung im September 2006 jedes Jahr Verluste von deutlich über 100.000 Euro erwirtschaftet, die nur durch Kapitalerhöhungen stiller Gesellschafter aufgefangen werden konnten. Kein Wunder, dass Uhde und Sandig von vielen schlaflosen Nächten berichten – „nicht nur im ersten Jahr“. Was sie auch in härteren Monaten optimistisch machte, ist, dass der unübersehbare künstlerische Erfolg sich auch in harten Zahlen niederschlägt: Der Verlustanteil am Umsatz ist kontinuierlich gesunken, Auslastung und Besucherzustrom sind ebenso kontinuierlich gewachsen, von 12.956 verkauften Tickets im Rumpfjahr 2006 über 28.584 Tickets 2007 auf 45.702 zahlende Besucher 2008. Etwa zwei Drittel ihres Umsatzes erwirtschaften Uhde und Sandig mit Vermietungen und Veranstaltungsservice für Politik, Wirtschaft, Verbände. Von der Unternehmensberatung McKinsey bis zu Apple, von der Deutschen Bank, dem Bundesverband der Deutschen Industrie bis zur Volkswagen AG reicht die Kundenliste der Firmen, die hier schon mal einen Kongress oder einen Event zur Kunden- oder Mitarbeiterbespaßung veranstaltet haben.

Dass in der Rezession am Partyprogramm gespart wird, hat auch das Radialsystem zu spüren bekommen. Zwei Dax-Konzerne haben letztes Jahr kurzfristig fest zugesagte Weihnachtsfeiern abgesagt. Dem Radialsystem sind mal schnell 100.000 Umsatz weggebrochen. Stabiler ist das Geschäft mit Verbänden und Ministerien, die hier regelmäßig Kongresse veranstalten. Der nächste Schritt ist für Sandig und Uhde klar: selber Konferenzen konzipieren und veranstalten. Die all2gethernow ist ein erster, ziemlich fetter Versuchsballon in diese Richtung. Im Oktober folgt eine internationale Konferenz über „Hybride Orte“, bei der Betreiber ähnlicher Kultur-produzenten-Plattformen, wie es das Radialsystem ist, aus Sydney, Paris, New York, Helsinki, Prag und Barcelona zum Gedanken- und Erfahrungsaustausch nach Berlin kommen.

Dialoge06_Sasha_WaltzAuch bei Kunstveranstaltungen müssen die Radialsystem-Betreiber den Kostendruck weitergeben. Die Mieten und Eintrittspreise sind höher, die Probenzeiten in der Regel deutlich kürzer als an subventionierten Spielstätten wie den Sophiensaelen oder dem HAU. Und weil sich jede Veranstaltungen selbst tragen muss, weil also die Radial-Kooperationspartner von der Akademie für Alte Musik bis zur Tanzcompagnie von Sasha Waltz ihr Geld selber mitbringen müssen, ist das Radialsystem indirekt selbstverständlich Teil der Subventionskultur und nicht etwa der neoliberale feuchte Traum, der beweist, dass hochkarätige Tanz- oder Klassikprogramme ohne öffentliche Gelder möglich sind. Jetzt haben Sandig und Uhde zum ersten Mal eine bescheidene Spielstättenförderung beantragt – einfach, um bei der Programmgestaltung etwas mehr Luft zu haben und auch mal jüngere, noch nicht etablierte und geförderte Künstler einladen zu können.

Dass Sandig und Uhde die ersten drei Jahre durchgehalten haben, ist ein kleines Wunder. Und es ist erst der Anfang. Weil in ihrem System ein Projekt zum nächs­ten führt, ist an das Radialsystem zum Beispiel seit Kurzem eine kleine Filmproduktion mit eigenem Schnittplatz angedockt, die für 3sat/Arte unter anderem den Film zu Sasha Waltz’ Inszenierung im Neuen Museum produziert hat. Eine andere Radial-Produktion, die Verfilmung von Juan Kruz Diaz de Garaio Esnaolas großartigem Tanzstück „4 Elemente – 4 Jahreszeiten„, das im Radialsystem zum Kultstück wurde, läuft am 6. September um 19 Uhr auf Arte.
Die Pläne gehen Sandig und Uhde nicht aus. Derzeit sind sie unter anderem mit Klaus Zehelein von der Bayerischen Theaterakademie darüber im Gespräch, wie eine europäische Akademie für Musiktheater in Berlin zu gründen wäre – in Kooperation mit den drei Berliner Opernhäusern und selbstverständlich angedockt an das Radialsystem. Etwas weniger konkret, dafür ziemlich logisch sind Sandigs Überlegungen, ir­gendwann, am besten auf Open-Source-Basis, eine eigene Software für Kulturveranstalter zu entwi-ckeln, sozusagen SAP für die Kulturwelt. Die Arbeit, viele einzeln zusammengekaufte Programme für die eigenen Bedürfnisse im Betrieb irgendwie umzubauen und zu adaptieren, muss sich schließlich nicht unbedingt jeder Kulturveranstalter selber machen. Und für Wowereit, der ja immer gerne Sprechblasen mit Schlagworten wie „Mediaspree“ und „Kreativwirtschaft“ produziert, hat der Kulturunternehmer Folkert Uhde einen guten Tipp: Was der Kreativwirtschaft in Berlin fehlt, sei ein auf ihre Strukturen spezialisiertes Finanzamt mit angeschlossenem Gründerzentrum. Bis es so weit ist, wird erst mal der 3. Geburtstag im Radialsystem gefeiert.

Text: Peter Laudenbach
Fotos: Jens Berger/tip, Andrй Rival, Sebastian Bolesch

Geburtstagsfest am Mi 9.9., 21 Uhrim Radialsystem (Adresse/Googlemap)

Radiale Nächte vom 10. bis 12.9.

 

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