Theater

5. Musikfest in Berlin

maurizio_pollini_c_mathias_bothorDie Frage nach dem Programm des diesjährigen Musikfestes Berlin ist kaum gestellt, da sprudelt es aus Winrich Hopp, seit 2006 dessen künstlerischer Leiter, nur so heraus: „Was ist das eigentlich, ein Programm? Man könnte es vielleicht als das bezeichnen, was die Stücke eines Abends, eines Festivals zusammenhält. Aber was bedeutet das genau, wenn man sagt, das eine hält das andere zusammen? Kommt diese Kraft von außen oder von innen, von selbst oder durch Fremdeinwirkung? Ist es überhaupt eine Kraft?“ Winrich Hopp, der außer Klarinette noch Musikwissenschaft und Philosophie studiert hat, zitiert flugs Meister Eckhart, der einst seinen Zeitgenossen, als sie die Seele „im“ Körper vermuteten, entgegnete: „Die Seele steckt nicht ‚im’ Körper, sondern sie ist das, was den Körper zusammenhält.“
Zwar ist die Mystik keineswegs Hopps Kerngebiet, doch als Leiter des Musikfestes weiß er, dass für dessen Gelingen Faktoren wie konzeptuelle Glaubwürdigkeit und thematische Stringenz ebenso wie die Leidenschaft und innere Überzeugung aller Beteiligten entscheidend sind: „Man kann sich Kunst nicht kaufen“, meint er, auch wenn er in diesem Jahr 24 Orchester und Chöre, mehr als 1600 Musiker, darunter 40 Solisten mit Stars wie Anne-Sophie Mutter, Tabea Zimmermann, Maurizio Pollini oder Christian Thielemann, aufbieten kann.

Vier Komponisten bestimmen die strukturellen Leitlinien – Franz Liszt, Gustav Mahler, Luigi Nono und Wolfgang Rihm – inklusive ästhetischen Korrespondenzen untereinander wie in der Vergangenheit. „Richtig große ‚Kulturgüter’“ werden zu hören sein, erläutert Hopp, „Musik, die auf dem Sockel steht“. Weil es den Werken dort oben jedoch nicht unbedingt gut geht, bringt er sie immer wieder in ungewohnte Spannungsverhältnisse zurück, konfrontiert sie mit ganz anderen Kompositionen. Diesmal stellt er zum Beispiel Gustav Mahlers monumentaler 8. Symphonie in der Philharmonie (dirigiert von Sir Simon Rattle) Luigi Nonos „Prometeo“ im Kammermusiksaal entgegen – „für mich die andere Seite der Medaille“. An den Spätromantiker Mahler haben sich unsere Ohren zumindest oberflächlich gewöhnt, bloß wer soll sich auf Nonos zweieinhalbstündige „Tragödie des Hörens“ („Tragedia dell’ ascolto“) mit Orchester, Stimmen und Live-Elektronik einlassen? Jeder, so Hopp, „der gerne Musik hört – um der Musik willen, also nicht, um sich zu entspannen oder um sich in eine andere Stimmung zu versetzen.“
Mit seinen inhaltlichen Verknüpfungen gelingt es ihm seit Jahren, die Besucher zu neuen Hörerlebnissen zu verführen. Winrich Hopp hat keine Sorge, dass das Publikum für klassische Musik ausstirbt, im Gegenteil, „beim Musikfest hat es sich internationalisiert und es sind viele junge Leute hinzugekommen“.

simon_rattle_c_monika_rittershausFür ihn gibt es keinen Grund, an der ritualisierten Form des Konzerts zu zweifeln, fördert sie doch erwiesenermaßen das kontemplative Hören. „Ich kenne keine Mu-sik, von der ich zwingend sagen würde, sie erschließt sich nur im Liegen – da schläft man höchstens schnell ein“, meint Hopp etwa über Versuche, durch eine aufgelöste Sitzordnung bis hin zur Horizontalen das Publikum anzulocken. Er vertraut der vitalisierenden Wirkung künstlerischer Herausforderungen. Und wenn sich früher einmal ein Debussy-Abend eher mühsam verkaufte, wird er dessen Werke trotzdem weiter ins Programm nehmen, „es ist ja ganz hervorra-gende Musik“. In diesem Jahr wird sich der finnische Dirigent Esa-Pekka Salonen seinem Landsmann Jean Sibelius widmen, obwohl der es zu Unrecht hierorts eher schwer hat. Schließlich soll das Festival unter anderem das Berliner Musikleben wachhalten und – „Eine Feier der Kunst!“ – mit hochkarätigen Impulsen inspirieren. Winrich Hopp liebt, was er tut, und das merkt man: „Wenn wir es schaffen, dass die Menschen trotz all der unglaublich vielen Dinge, die man jeden Abend in Berlin unternehmen kann, ins Konzert kommen, bin ich total glücklich!“

Text: Irene Bazinger

Foto Maurizo Pollini: Mathias Bothor / Deutsche Grammophon, Foto Sir Simon Rattle: MonikaRittershaus

Musikfest Berlin
2.–20.9.
, verschiedene Spielorte, Kasse Berliner Festspiele: 25 48 91 00, Kasse Philharmonie: 25 48 89 99, www.musikfest-berlin.de

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