Theater

Abschied von 2013

Was das Theater betrifft, war 2013 vor allem ein trauriges Jahr. Sven Lehmann ist gestorben. Jetzt sind die Premieren am Deutschen Theater entschieden trostloser. Schon weil man beim anschließenden Alkoholabusus Sven Lehmanns spöttische Kommentare zur Aufführung, zum Innenleben des Theaters und zum von ihm ausgesprochen gerne imitierten Intendanten sehr vermisst. Sven Lehmann war bei aller Liebe zum im Zweifel immer berechtigten Spott der rare Fall eines Schauspielers, der zum Theater ein ausgesprochen unzynisches Verhältnis hatte. Er konnte Kollegen und große Regisseure aufrichtig bewundern, auch das nicht unbedingt die Regel in der Narzissmus-Branche. Wenn er ab und zu unter dem Theater litt, dann weil es so oft seine eigenen Möglichkeiten nicht ernst nimmt. Manchmal sitzt man in Vorstellungen und kann für einen Moment nicht verstehen, dass nicht Sven Lehmann auftritt und uns zeigt, wie toll, berührend, klug, sehr kompliziert und gleichzeitig sehr klar und einfach Theater sein kann.

Henning Rischbieter ist gestorben, der Erfinder der einzig wichtigen Theaterzeitschrift der Welt, „Theater heute“ (fast so hilfreich in allen Kunst-, Tbeater- und Lebensfragen wie der tip-Bühnenteil). Als ich vor zweieinhalb Jahrzehnten bei Rischbieter studiert habe, fand ich ihn in seinem Machtbewusstsein und der eisern sozialdemokratischen Rechthaberei ein bisschen unerträglich. Aber wahrscheinlich ist er einer der Menschen, von denen ich am meisten über Theater und die angemessene Haltung eines Kritikers gelernt habe. Zum Beispiel, dass beim Schreiben eine Haltung hilft, die bei Premierenfeiern eher lästig ist: Nüchternheit.

Dimiter Gotscheff ist gestorben. Sein Freund Mark Lammert hat an einem Dienstag erzählt, dass Gotscheff am Tag zuvor eine zehnstündige Krebsoperation überstanden hat. Am Sonntag der gleichen Woche kam die Nachricht von seinem Tod. In Gotscheffs „Ivanov“ an der Volksbühne und in seiner Tragödie „Die Perser“ am Deutschen Theater kann man erleben, weshalb Theater manchmal für ein paar Stunden der schönste, abgründigste, irgendwie auch wichtigste Ort der Welt ist. Wenn mir das übliche Theater und seine Routinen nur noch auf die Nerven gehen, ist es sehr schön, noch einmal Almut Zilcher und Margit Bendokat und Wolfram Koch und Samuel Finzi in einer Inszenierung von Gotscheff sehen zu können.

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