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„Adolf Hitler: Mein Kampf 1 & 2“ im HAU 1

Um kaum ein anderes Buch wird es im Jahr 2016 soviel Gerede und Gewese geben wie um Adolf Hitlers „Mein Kampf“. In den Buchhandlungen stapelten sich schon im letzten Herbst dicke Wälzer, die Geschichte und Wirkung der bislang verbotenen Schrift des „Führers“ zum Thema haben: die „Geschichte“ oder gar „Karriere“ des Buches wird untersucht, unter dem Titel „Abrechung“ wird nicht weniger als „die Wahrheit“ über „Mein Kampf“ versprochen. Und auch die Dokumentartheatermacher von „Rimini Protokoll“ haben reagiert: ihre aktuelle Produktion setzt sich mit diesem zweifelhaften Stück Literatur auseinander, das jetzt aus rein rechtlichen Gründen wieder aus der Versenkung auftaucht. Denn „Mein Kampf“ ist 70 Jahre nach dem Tod des Autors „gemeinfrei“.
Gemeinfrei – dieses seltsame Wort geistert den ganzen Rimini-Abend über durch den Raum. Doppelbödig ist es, gefährlich und verlockend. Und gemeinfrei also ist seit 1. Januar 2016 Adolf Hitlers „Mein Kampf“, während der Haft in Landsberg geschrieben und 1925/26 in zwei Bänden erschienen, einst unters deutsche Volk zwölfmillionenfach geworfen und nach 1945 wundersam verschwunden aus den heimischen Bücherregalen, wenn auch nicht aus der Welt. Es war hierzulande bislang verboten, es nachzudrucken und zu vertreiben. Die Rechte lagen beim Freistaat Bayern, dem 1946 der gesamte Nachlass Hitlers zufiel. Sie endeten mit dem 31. Dezember 2015. Theoretisch steht nun Neuauflagen nichts mehr im Wege. Aber die Gerichte werden sich sicherlich damit beschäftigen, herauszufinden, ob „Mein Kampf“ wegen seiner volksverhetzenden Passagen nicht doch weiter auf dem Index stehen muss. Bayern will neue Auflagen auf jeden Fall verhindern.
Völkischer Schund
Helgard Haug und Daniel Wetzel von „Rimini Protokoll“ spielen in ihrer neuen Arbeit, die beim Kunstfest Weimar Premiere hatte und jetzt ins HAU kommt, mit diesem und anderen Szenarien rund um eine voluminöse Schrift, in der ein späterer Diktator seine Visionen von Weltenrettung und Weltenuntergang breit auswalzte. Sie machen das gewohnt kurzweilig, faktenstark und in Maßen provozierend. Ein bisschen ist das dann aber auch so bemüht pädagogisch korrekt wie bei der „Sesamstraße“, wenn sie irgendein Igitt-Thema augenzwinkernd publikumsgerecht aufarbeitet. Am Ende des Abends weiß man fast alles über „Mein Kampf“ damals und heute und doch nicht so recht, was man jetzt mit dem Wissen anfangen soll. Man fühlt sich gerüstet für die Diskussionen, die um das Buch in diesem Jahr einsetzen werden, und man denkt doch auch, warum einen dieser völkische Wälzer voll schwadroniertem Schund auf einmal interessieren sollte.
Im umgedrehten Bühnenbild ihrer erfolgreichen „Kapital“-Produktion, also quasi auf der Rückseite einer großen Utopie, suchen sechs Personen nach den Motiven eines gefährlichen Autors und nach den Gründen eines Volkes, diesem Ver-Führer die Worte, die er schrieb, zu glauben. Oder wurde das Buch nie gelesen? Hätte man nicht schon in den 20er Jahren nach dem Erscheinen zwischen den Zeilen erfahren können, was später real Europa erschüttert hat? Solcherart sind die Fragen von „Rimini Protokoll“, und ständig klauben sie neue Ausgaben aus aller Herren Länder hervor, Übersetzungen und aus Japan gar ein Hitler-Manga. Da wird Widerliches zitiert („Die Juden sind ein Bazillus“) und sprachlich Ungelenkes belacht, da gesteht ein Israeli, dass ihn „Mein Kampf“ zum Durchhalten im Alltag anspornte und ein Blinder fährt laut lesend mit den Fingern über die voluminöse Ausgabe in Brailleschrift.
Wie heiße Kartoffeln werden Ausgaben von Mann zu Frau und zurück geworfen: man will damit eigentlich nichts zu tun haben, „diese alte Scheiße“, wie es einmal heißt, gar nicht erst in die Hand nehmen. Man will die wirren Gedanken dieser „Hetzschrift“ letztlich auch nicht öffentlich verbreiten – und tut es ja dann irgendwie doch. Öffentlich auf einer Bühne. So wird das Dilemma, in dem sich die Theatermacher finden, zunehmend spürbar und „Rimini Protokoll“ stolpert immer wieder mal über den eigenen An- und den sich auftuenden Widerspruch. Also versucht man aktuelle Bezüge herzustellen und landet beim islamistischen Terror. Man zieht sich in szenische Kapriolen zurück: „Mein Kampf“ wird im Verlauf der Vorstellung aus dem Internet – wo es immer schon zu haben war – kopiert, umgehend schön als Buch gebunden und im ?Publikum angeboten. Die Recherche verblüfft immer wieder mit Zahlen (15 Millionen Reichsmark hat Hitler als Autor mit dem Werk verdient). Die Aufführung sucht gar nach dem „Sound“ des Schinken. Musikalisch umgesetzt klingt „Mein Kampf“, wie könnte es auch  anders sein: kakophonisch.
Ist „Mein Kampf“ also ein gefährliches Buch, eines, vor dem man das Volk schützen muss? Es ist kein Buch, das verführt, es war vielmehr eine Anleitung für Verführer. Dies wenig Überraschende mag man als Fazit des bunten Abends um einen braunen Schmöker mitnehmen. Eines aber macht „Rimini Protokoll“ dann doch noch sehr bewusst: man musste in Deutschland eigentlich gar nicht auf die „Gemeinfreiheit“ warten. Manches aus Hitlers verfluchter Feder gehört nämlich längst wieder (oder immer noch?) zum Sprachgebrauch hierzulande, manches spiegelt erschreckend das Heute wider. Bei Pegida- und AfD-Aufmärschen kann man es hören: „Schmarotzer“, „Überfremdung“, „lügenhafte Presse“ – das alles sind griffige „Mein Kampf“-Zitate. Und auf Seite 362 lieferte der Autor auch noch einen Kommentar zur aktuellen Lage der Nation wie zum Aufstieg der neuen Rechten: „Dass aber Millionen im Herzen den Wunsch nach einer grundsätzlichen Änderung der heute gegebenen Verhältnisse tragen, beweist die tiefe Unzufriedenheit, unter der sie leiden. Sie äußert sich in tausendfachen Erscheinungsformen, bei dem einen in Verzagtheit und Hoffnungslosigkeit, beim anderen in Widerwillen, in Zorn und Empörung, bei diesem in Gleichgültigkeit und bei jenem wieder in wütendem Überschwange. Als Zeugen für diese innere Unzufriedenheit dürfen ebenso die Wahlmüden gelten…“ Gespenstisch.

Text: Bernd Noack

Foto: Happy little accidents

HAU 1 Do 7 – Sa  9.1., 20 Uhr, So 10.1 ., 17 Uhr, ?Karten-Tel.: 25 90 04 27

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